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"Streich das Wort 'fast' raus! Wir waren Legenden in Italien"

kicker-Logo kicker 19.03.2021 kicker.de

Lothar Matthäus war im deutschen Fußball allgegenwärtig. Einige kicker-Reporter können vom Rekordnationalspieler so manche Anekdote erzählen.

Lothar Matthäus © imago images Lothar Matthäus

Wie der "Mensch Lothar" George Moissidis Lügen strafte

Lothar Matthäus und kicker-Reporter George Moissidis © privat Lothar Matthäus und kicker-Reporter George Moissidis

Die Aufgabe an sich, klingt wirklich nicht kompliziert. Selbst für einen Journalisten-Rookie, der erst seit etwa eineinhalb Jahren die heiligen Hallen des kicker regelmäßig betreten darf. Einen Wimpel eines Edelfans der DFB-Auswahl übergeben, ein "Beweisfoto" schießen und sich wieder zum Comer See verabschieden. Das hatte mir unser Chefredakteur Rainer Holzschuh aufgetragen, als er von meinem Urlaubsziel erfuhr. Klingt leichter, als der Wimpel in meinen Händen plötzlich zu sein scheint, der für keinen Geringeren als Lothar Matthäus ist.

Schon als sich an diesem März-Tag 1992 das massive, graue Metalltor quietschend nach links bewegt und den Blick auf das Trainingsgelände von Inter Mailand in Appiano Gentile freimacht, kommt in mir Unruhe auf. Wie spreche ich ihn an, was sage ich, wie wird der Weltmeisterkapitän von 1990 sein, wie reagieren auf den ihm noch unbekannten Gast aus Nürnberg? Flucht kommt nicht in Frage, auch weil Matthäus schneller auf mich zukommt, als der Gedanke durchgespielt ist.

Nach einer knappen Viertelstunde will ich am liebsten noch ein bisschen länger bleiben und mich weiter mit dem Mann unterhalten, dessen Titelsammlung jeden Anbau rechtfertigt. Im Gegensatz zu den vielen negativen Schlagzeilen, die über ihn kursieren. Der so gar nicht ist, wie er zu sein scheint. Ich lerne einen uneitlen, aufgeschlossenen Menschen kennen, der mich duzt, sich sogar für mich, meinen Urlaub und seine alte Heimat Franken interessiert. Ein Weltstar, der mich mit seiner Freundlichkeit komplett überrascht und noch ein weiteres Mal überraschen wird.

Oktober 1992, Matthäus ist zurück in der Bundesliga, spielt mit dem FC Bayern in Stuttgart. Lothar hier, Lothar da, Lothar überall. Alltag für einen Topstar, der das Treffen mit dem kicker-Rookie wahrscheinlich längst wieder vergessen hat und mich Lügen straft. Matthäus sieht mich im Gewühl der Journalisten, winkt mich zu sich rüber, direkt vor die eigentlich zum Sperrgebiet erklärte Bayern-Kabine, um mich unter anderem nach meinem Urlaub am Comer See zu fragen. Mensch Lothar.

Wie Frank Linkesch in Miami wegen der "italienischen Legende" fast crashte

Lothar Matthäus und kicker-Reporter Frank Linkesch 2018 in Miami. © pivat Lothar Matthäus und kicker-Reporter Frank Linkesch 2018 in Miami.

Miami, Juli 2018. Die Bayern befinden sich auf Promo-Tour in den USA. Ich sitze in einem Uber-Taxi, das mich zur Pressekonferenz mit dem Kolumbianer James ins Mannschaftshotel bringen soll. Der Fahrer stammt aus Ecuador, er befragt mich nach den Gründen für das deutsche WM-Aus ein paar Wochen zuvor. Ich erzähle ihm, dass er mich zu James bringt. "Den mag ich nicht", sagt der Mann um die 50 in gebrochenem Englisch. "Aber Lothar Matthäus, das war ein großartiger Spieler!"

30 Jahre sind seit dessen WM-Triumph vergangen, knapp 20 seit seinem Engagement bei den Metro Stars aus New York. An seiner weltweiten Berühmtheit haben all die Jahre aber nichts geändert. In den USA ist Matthäus als Bayern-Botschafter dabei, er hat den vollsten Terminkalender. Nichts gegen Sven Ulreich und Rafinha, aber das Interesse an den beiden hält sich in Grenzen, wenn sie im Laden eines Sponsors in Philadelphia aufschlagen. Anders bei Matthäus, der trotzdem Zeit für ein Interview mit mir findet. Die Zeit ist knapp, aber der Rekordnationalspieler lässt keine Frage unbeantwortet, ist wie immer meinungsstark. Vor allem steht er zu seinem gesprochenen Wort, was in dieser Branche längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Zwei Jahre später gibt er mir während der ersten Lockdowns telefonisch ein Interview für unsere Serie zur WM 1990. Ich schicke ihm den Entwurf per Mail, eine knappe Stunde später ruft er zurück. "Du musst nur ein Wort streichen", sagt er. "Du schreibst, wir Legionäre waren damals in Italien fast Legenden. Nimm das 'fast' raus, wir waren es." Selbstbewusstsein pur, aber keine Überheblichkeit. Matthäus eiert nicht rum. Das bringt mich wieder zum Uber-Fahrer aus Ecuador. Kaum hat er das Wort Matthäus ausgesprochen, zeige ich ihm auf meinem Handy das Foto von Matthäus und mir, das beim Interview zwei Tage vorher in Philadelphia entstanden ist. Vor Staunen baut er fast einen Unfall, am Ende komme ich trotzdem heil im Hotel an.

Wie Michael Pfeifer die Matthäus-Präzision aus nächster Nähe beobachtete

Lothar Matthäus und Ciriaco Sforza (oben rechts) feiern 1996 den Gewinn des damaligen UEFA-Cups. © imago images Lothar Matthäus und Ciriaco Sforza (oben rechts) feiern 1996 den Gewinn des damaligen UEFA-Cups.

Das Camp Nou zu Barcelona ist in seinen Ausmaßen in jeder Hinsicht beeindruckend. Selbst ohne die unfassbare Kulisse von 110.000 Zuschauern, die am nächsten Tag verfolgen würden, wie der FC Bayern München an diesem 16. April 1996 einen überraschenden 2:1-Auswärtscoup landete in diesem Halbfinal-Hinspiel im damaligen UEFA-Pokal. Eine Zeit, in der auch kicker-Reportern noch Zugang zum Innenraum gewährt wurde, zumindest beim Abschlusstraining. Diese turmhohen Ränge lassen selbst das stattliche Spielfeld in der optischen Wahrnehmung scheinbar schrumpfen.

Also nahmen Lothar Matthäus und Ciriaco Sforza genauer Maß.

Die beiden Münchner spielten sich eine Zeitlang Flugbälle zu. Von Seitenauslinie zu Seitenauslinie. Also über 68 Meter. Eigentlich eine belanglose Szene. Die aber bei etwas genauerer Betrachtung den Unterschied zwischen Klasse und Extraklasse offenbarte. Technisch wie aus dem Lehrbuch droschen beide Bayern-Profis die Bälle quer über den Platz. Und doch unterschiedlich. Sforzas Zuspiele waren länger in der Luft und wiesen zuweilen minimale Ungenauigkeiten auf, die sich aber auf diese Strecke in etwa fünf bis zehn Metern Streuung summierten. Der Schweizer hingegen musste sich kaum von der Stelle bewegen, um die von Matthäus abgefeuerten Bälle anzunehmen. Ob in der ruhenden Variante oder aus der Bewegung geschossen: Wie an der Schnur gezogen landeten Matthäus' Geschosse punktgenau im Zielgebiet. Eine beeindruckende Präsentation von Präzision und Perfektion. Und vom unbändigen Ehrgeiz dieses begnadeten Fußballers, jeden einzelnen Ball in höchstmöglicher Qualität zu schlagen.

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