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Glaubenskrieg E-Mobilität vs. Verbrenner erfasst den Motorsport

Motorsport-Total.com-Logo Motorsport-Total.com 09.02.2019 Christian Nimmervoll, Co-Autor: Gabriel Lima
Audi engagiert sich bereits seit der ersten Stunde in der Formel E © Audi Audi engagiert sich bereits seit der ersten Stunde in der Formel E

Red Bull kann sich einen Wechsel von der Formel 1 in die Elektro-Rennserie Formel E derzeit nicht vorstellen. "Weil wir Rennpuristen sind", sagt Motorsportkonsulent Helmut Marko im Interview mit 'Motorsport-Total.com'. "So gut wir in Marketing sind, aber die Formel E ist für uns nur eine marketingtechnische Ausrede der Automobilindustrie, um vom Dieselskandal abzulenken."

Mit Audi, BMW, Jaguar, Mercedes, Nissan und Porsche engagieren sich sechs große Automobilhersteller in der Formel E - oder haben ihren Werkseinstieg bereits beschlossen. Die Formel E bietet zwar wesentlich geringere globale Reichweiten als die Formel 1, doch Elektromobilität ist aktuell ein Thema, an dem kein großer Hersteller vorbeikommt.

Aufgrund dieses Aufschwungs beim Thema E werden in der Rennserie hinter den Kulissen enorme Geldbeträge bewegt, und zwar nicht nur im Sponsoring. Ein Hype, den Marko als übertrieben wahrnimmt: "Der Diesel", sagt er, "ist unterm Strich bei weitem der effizienteste Motor."

Und wenn sich in Rennserien große Hersteller engagieren und auch Sponsoren viel Geld investieren, wird das Kerngeschäft Racing für die privaten Teams in der Regel schnell teurer. Ein Grund, warum Red Bull die Formel E aktuell nicht reizt: "Am Anfang lagen die Kosten bei acht Millionen. Jetzt sind es weit über 20", weiß Marko. "Wenn die ganz Großen wie Porsche und Mercedes kommen, wird das noch einmal hinaufgehen."

Helmut Marko und Peter Schöggl © Nils Rüstmann (smg) Helmut Marko und Peter Schöggl

Marko befürchtet eine Kostenexplosion

Der 75-jährige Österreicher befürchtet ein ähnliches Phänomen wie in der Formel 1, als sich im Zuge der Finanzkrise ab 2007 der Reihe nach BMW, Honda, Renault und Toyota aus dem Grand-Prix-Sport zurückgezogen haben: "Es kann nur einer gewinnen. Und wenn die Budgets dann in Richtung 40, 50 Millionen gehen, wird einer nur Fünfter und Sechster werden. Ich glaube, dann ist die Euphorie gleich wieder vorbei."

Insofern betrachtet Marko die Formel E als "super Marketing-Gag, mitten in den Städten. Fragen Sie mal Ihre Freundin, ob sie lieber nach Spa oder nach New York fahren will! Das ist das Grundkonzept der Formel E: zu den Leuten zu gehen." Aber: "Die TV-Außenwirkung ist kaum gegeben."

Und auch sportlich ist er kein Fan der Autos und der Rennen: "Die Formel-E-Autos sind wie ein Formel-3-Auto mit einer 400 Kilo schweren Batterie. Man muss dort nicht der Schnellste sein, sondern man muss dort viel mehr mit der Energie haushalten als es in der Formel 1 oder in anderen Rennserien der Fall ist. Es ist kein Speed da. Das wirkt nur durch diese engen Stadtkurse so."

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Der Glaubenskrieg E-Mobilität vs. Verbrenner, der auf Social-Media-Plattformen derzeit heiß diskutiert wird, scheint nun also auch den Motorsport zu erfassen. Lucas di Grassi, Formel-E-Champion von 2016/17 und einer der glühendsten Fans der noch jungen Rennserie, kann mit Markos Argumentation zum Beispiel gar nichts anfangen.

"Dr. Marko sagt, dass er ein Rennpurist ist. Für mich ist das kein zulässiges Argument, denn was ein Rennpurist ist, bewertet jeder ein bisschen anders", sagt der ehemalige Formel-1-Pilot gegenüber 'Motorsport-Total.com'. "Ich weiß nicht, was er sich dabei denkt. Würde er auch verteidigen, dass wir lieber Pferde- statt Autorennen fahren sollen?"

Glaubenskrieg tobt auch bei Facebook & Co.

Es sind die gleichen Reflexe, wie sie in zahllosen Facebook-Gruppen auftreten: Die Verbrenner-Fans verteidigen ihr Revier mit der (noch?) praxistauglicheren Technologie, mit dem Appell an Traditionsbewusstsein und Emotion und mit dem Hinweis, dass die E-Mobilität gar nicht so grün ist, wie sie vorzugeben scheint.

Wird die Diskussion im Automotive-Bereich vorwiegend um Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt geführt beziehungsweise um Reichweiten, so geht's in Bezug auf die Formel E beispielhaft um die Dieselgeneratoren hinter den Paddock-Zelten, mit denen der Strom für die Akkus in den Rennwagen erzeugt wird.

Ein Urteil, wer denn nun recht hat oder falsch liegt, steht (wenn überhaupt) nur Technologie-Experten zu. Aber dass die Diskussion emotional geführt wird, ist Tatsache. Di Grassi legt nach: "Wenn Dr. Marko ein echter Rennpurist ist, bitteschön, dann soll er doch Pferderennen machen. Oder Rennen mit Verbrennungsmotoren, nicht mit den Hybridsystemen, mit denen die Formel 1 heutzutage fährt."

An dem Punkt sei erwähnt: Es ist schon seit Einführung der Hybridantriebe in der Formel 1 konstante Linie von Red Bull, dass sich die Formel 1 wieder ihrer Wurzeln besinnen und technologisch einen Schritt zurück zu spektakulären und lauten Verbrennungsmotoren ohne Hybridkomponenten machen sollte. Alleine schon aus Kostengründen. Doch was vielen Puristen sicher gefallen würde, ist mit den engagierten Herstellern anno 2019 nicht mehr denkbar.

Di Grassi greift Marko auf persönlicher Ebene an, wenn er sagt: "In Wahrheit bringt er doch nur seine persönliche Meinung zum Ausdruck: 'Schaut her, ich will nicht Formel E machen, ich bin zu alt für sowas! Ich will lieber Verbrennungsmotoren in der Formel 1.' Die Formel 1 ist die Königsklasse des Motorsports, gar keine Frage. Aber die Zukunft der Hersteller ist ganz sicher elektrisch."

Di Grassi: In Zukunft wird jeder Audi elektrisch sein

"Audi", fährt er fort, "profitiert in der Formel E mehr als in der Formel 1. Es ist Tatsache, dass jeder Audi in Zukunft einen Elektromotor haben wird. Wir müssen verstehen, welche limitierenden Faktoren es da in der Technologie gibt, was die besten Materialien sind und wie wir Software entwickeln können, die den Elektromotor am besten steuert."

Es ist die berühmte Formel, Technologie vom Motorsport in die Serie zu transportieren, mit dem die Hersteller ihre millionenschweren Engagements in der Formel E begründen. Neben dem "grünen" Marketing. Und natürlich ergibt ein Formel-E-Engagement nur für Marken Sinn, die auch planen, E-Autos auf den Markt zu bringen - oder schon welche verkaufen.

Audi bringt 2019 den E-Tron auf den Markt, bei Mercedes steht der EQC in den Startlöchern. Porsche plant die Markteinführung des Taycan ebenfalls noch 2019. BMW war mit dem i3 einer der ersten Premiumhersteller, der sich über das Thema Elektro getraut hat. Der Jaguar I-Pace wird schon proaktiv mit markeninternen Autorennen promotet. Und der Nissan Leaf ist in der Nische der E-Autos eine feste Größe.

"Wir entwickeln die Technologie für die Elektroautos der Zukunft", sagt di Grassi. "Beim Verbrennungsmotor wissen wir schon, wie er funktioniert. Das Spannende ist, dass wir herausfinden wollen, wie Elektroautos schneller, effizienter und billiger werden können. Genau das tun wir in der Formel E. Nicht nur Audi, sondern alle. Unsere Entwicklung ist so gesehen viel mehr für den Serienmarkt relevant als die in der Formel 1."

Informationen zu den neuesten E-Autos, Testberichte und Videos, auch zum Thema Automotive insgesamt, gibt's übrigens auf unserem Schwesterportal Motor1.com.

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