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Der Schwarze, der Hitler bei den Spielen 1936 die Show stahl

WELT-Logo WELT 03.08.2021 Philip Cassier
3. August 1936: Jesse Owens (1913–1980) gewinnt bei den Olympischen Spielen in Berlin Gold im 100-Meter-Sprint Quelle: picture-alliance / akg-images © picture-alliance / akg-images 3. August 1936: Jesse Owens (1913–1980) gewinnt bei den Olympischen Spielen in Berlin Gold im 100-Meter-Sprint Quelle: picture-alliance / akg-images

Wie fair die deutsche Berichterstattung bei dem Ereignis ausfallen würde, stand allerspätestens im Juni 1936 fest. In der 12. Runde hatte Max Schmeling seinen Kontrahenten Joe Louis in New York k.o. geschlagen – und der Rundfunkreporter Arno Helmis mit einer Verachtung über den „Negerboxer“ gesprochen, die ans Wahnhafte grenzte. Von Adolf Hitlers Hoffnung, dass gestählte weiße Herrenmenschen alle anderen ausstechen würden, konnte ohnehin jeder wissen, der nicht systematisch die Augen schloss und sich die Ohren zuhielt.

Nicht um Sport würde es also im August 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin gehen, sondern um einen Kampf der Hautfarben. Damit ist nur zu verständlich, dass der schwarze US-Läufer Jesse Owens, der am 3. August die Goldmedaille im 100-Meter-Sprint gewann, eigentlich gar nicht teilnehmen wollte. Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der USA, Avery Brundage, musste seine Anwesenheit bei Hitlers Propagandafestival verfügen.

Der Konkurrenz enteilt – Jesse Owens auf der Aschenbahn im Berliner Olympiastadion Quelle: picture alliance / United Archiv © picture alliance / United Archiv Der Konkurrenz enteilt – Jesse Owens auf der Aschenbahn im Berliner Olympiastadion Quelle: picture alliance / United Archiv

Rassismus kannte Owens aus seiner Heimat zur Genüge. Aufgewachsen im US-Staat Alabama, war sein Alltag geprägt von Rassentrennung. Das College besuchte er in Ohio, wo er nicht an einer rein schwarzen Universität studieren musste. Sein sportliches Talent verhalf ihm zu einem Stipendium, und doch war das Geld knapp. Wie groß allerdings seine Begabung war, erwies sich 1935: Obwohl er sich bei einem Treppensturz den Rücken verletzte, stellte er am Folgetag bei einem Wettkampf fünf neue Weltrekorde auf.

Entsprechend froh wäre Hitler gewesen, wenn die Amerikaner Owens zu Hause gelassen hätten. Aber Avery Brundage, selbst ein Antisemit, hatte schon einen Boykott der Spiele nur mühsam verhindern können und brauchte nach dem Ausschluss jüdischer Athleten mit Medaillenchancen aus seinem Kader einen sicheren Sieger, ob er nun schwarz oder weiß war.

Seinen NOK-Präsidenten enttäuschte Owens nicht. Vier Goldmedaillen holte er insgesamt, immer flankiert von Hakenkreuzfahnen und „Heil“-Gebrüll. Der Mann, der als „Führer und Reichskanzler“ firmierte, musste sogar zeitweilig dabei zusehen; er tat es so ruhig wie möglich. Nur als man ihn zu einem Foto mit dem schwarzen Star überreden wollte, schüttelte ihn angeblich einer seiner Tobsuchtsanfälle durch.

EIne Frage der Technik: Owens' Sprung zum Olympia-Gold, zeitgenössisch erklärt Quelle: picture alliance / dpa © picture alliance / dpa EIne Frage der Technik: Owens' Sprung zum Olympia-Gold, zeitgenössisch erklärt Quelle: picture alliance / dpa

Noch dazu gelang es Owens, nicht nur sportlich zu brillieren – und das zu allem Überfluss mit Hilfe eines Deutschen. „Der Kampf der Farben ist beendet. Schwarz war der Beste, einwandfrei der Beste, mit 19 Zentimetern vor Weiß.“ So stand es nach dem Weitsprung-Finale in der „Leipziger Neuen Zeitung“, und diese Worte stammten von Owens‘ deutschem Konkurrenten Luz Long. Der war selbst kein Gegner des Regimes, freundete sich aber vor den Augen der Zuschauer mit dem Amerikaner an.

Nach dem letzten Sprung hakten sich die beiden beieinander unter, gingen zur Haupttribüne und stahlen mit dieser urmenschlichen Geste den Nazis zumindest für einen Moment die Show: „Hitler muss wahnsinnig geworden sein, als er uns umarmen sah. Das Traurige an der Geschichte ist, dass ich Long nie mehr gesehen habe“, schrieb Owens später. Der Deutsche erhielt nach dem Auftritt von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß augenblicklich den Befehl, „nie wieder einen Neger zu umarmen“. Er starb 1943 im Krieg auf Sizilien.

3. August 1936: Jesse Owens (1913–1980) gewinnt bei den Olympischen Spielen in Berlin Gold im 100-Meter-Sprint Quelle: picture-alliance / akg-images © picture-alliance/ dpa 3. August 1936: Jesse Owens (1913–1980) gewinnt bei den Olympischen Spielen in Berlin Gold im 100-Meter-Sprint Quelle: picture-alliance / akg-images

Auf Jesse Owens warteten harte Jahre. „Meine Medaillen kann ich nicht essen“, sagte er nach den Spielen. Er trat in Showrennen gegen Pferde auf, er machte sich mit PR-Firmen selbstständig, scheiterte oft genug, wirklich stabil wurde sein Leben erst, als Präsident Dwight D. Eisenhower ihn 1955 zum „Botschafter des Sports“ ernannte.

Der Wunderläufer starb 1980 an den Folgen seiner Kettenraucherei. Seine Autobiografie begann mit der Widmung: „Für zwei unvergleichliche Mannschaftskameraden: Meine Frau Ruth – und den Nazi, der Hitler mit mir bekämpft hat, Luz Long.“

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