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Tour de France trotz Coronavirus? Allein auf den Champs Élysées

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 28.03.2020 Peter Ahrens
© DPA

Bisher planen die Verantwortlichen immer noch mit der Tour de France, zur Not soll das Prestigeprojekt ohne Publikum stattfinden. Das dürfte kaum funktionieren.

Roxana Maracineanu kennt das Gefühl gut, wie es ist, von Zuschauern gefeiert zu werden. Bei der Schwimm-WM 1998 in Perth holte sie sich die Goldmedaille über 200 Meter Rücken, sie war damit die erste französische Schwimm-Weltmeisterin. Zwei Jahre später bei den Olympischen Sommerspielen reichte es vor dem begeisterten Publikum in der Schwimmhalle von Sydney noch zu Silber.

Mittlerweile ist Maracineanu in die Politik gewechselt, als Sportministerin Frankreichs jubeln ihr die Massen vermutlich nicht mehr so ungeteilt zu - und wenn sie ihre Pläne zur Tour de France umsetzt, dürfte sie das auch nicht unbedingt populärer machen.

Die Ministerin will die große Frankreich-Schleife der Radprofis, Corona hin oder her, nach Möglichkeit stattfinden lassen - allerdings dann wohl ohne Zuschauer. Ein Radrennen, das normalerweise bis zu zwölf Millionen Besucher anzieht, das von der Begeisterung der Menschen am Rand der Strecke lebt, von den fast fanatischen Radsport-Anhängern, die bei den Bergankünften so eng Spalier stehen, dass die Profis Mühe haben, durch die verbleibenden Gassen hindurchzukommen. Die Tour de France ohne all das, die Fans vollständig ausgesperrt - eine gespenstische Vorstellung. Aber sie ist sogar denkbar.

"Veranstaltung von größter Bedeutung"

Die Tour ist bislang vom 27. Juni bis zum 19. Juli vorgesehen, Start in Nizza, Zielankunft wie immer auf den Champs Élysées in Paris. Berühmte Höhepunkte wie der Ritt hinauf nach Alpe d'Huez in den Alpen oder auf den Mont Ventoux sind diesmal zwar ausgespart, dennoch würde die Tour auch in diesem Jahr Millionen Menschen anziehen. Wenn sie denn dürften. Ja, wenn die Tour überhaupt stattfindet.

Für die Ministerin ist die Tour de France eine "Veranstaltung von größter Bedeutung", wie sie noch in dieser Woche betonte. Die Rundfahrt stattfinden zu lassen, wenn fast alle großen Sportereignisse des Jahres ausfallen, wird als Prestigeprojekt Frankreichs behandelt. Ähnlich ist es mit Wimbledon für die Briten - auch das Tennis-Traditionsturnier ist bislang noch im Sportkalender wie geplant für Ende Juni vermerkt.

Anders als bei Wimbledon kommt für den Radsport allerdings die ökonomische Seite hinzu. Die Tour ist das Kern-Event des Jahres, manche Teams konzentrieren sich auf fast nichts anderes. Die Frühjahrsklassiker mögen ausgefallen sein, das ist bitter für so manchen Tagesfahrer, selbst die Absage des Giro d'Italia ist verkraftbar, aber ein Verzicht auf die Tour? Das geht, so befürchtet die Branche, für einige Rennställe ans Existenzielle.

Bora-Chef ist noch zuversichtlich

"Eine Absage wäre eine totale Katastrophe", sagt etwa Patrick Lefevere, der Chef des Teams Deceuninck-Quick Step. "Wenn es keine Tour de France gibt, kann das gesamte Radsport-Modell zusammenbrechen", warnte er in der belgischen Zeitung "Het Nieuwsblad". Ralf Denk, Chef des deutschen Rennstalls Bora-hansgrohe, sieht das weniger pessimistisch. Man könne die Tour auch im September fahren, die Radsportsaison könne zur Not bis in den Dezember reichen, sagte er auf radsportnews.com.

Frankreichs Ministerin argumentiert damit, die Tour sei als Geschäftsmodell lebens- und durchführungsfähig, da sie nicht auf Eintrittsgelder angewiesen sei: "Letztlich wäre es nicht schlecht, weil man immer noch im TV zuschauen könnte." Die berühmten Kameraschwenks bei der Tour über die französischen Landschaften, über Loire-Schlösser und mittelalterliche Burgen gäbe es dann auch, die Kommentatoren könnten nach wie vor über Käsesorten und Weinanbaugebiete entlang der Route schwärmen, aber all das ohne die Begeisterung der Leute, ohne die neben den Fahrern herlaufenden Nerds, ohne den roten Teufel an der Strecke?

Bisher nur in den Weltkriegen ausgefallen

Seit 1903 gibt es die Tour de France, bisher ist sie lediglich den Weltkriegen gewichen, sie hat die Dopingskandale überstanden, sie wurde immer gefahren, auch dann, als der gesamte Sport am Boden war. Auch das treibt die Verantwortlichen um Tourdirektor Christian Prudhomme dazu, ihre Planungen ungeachtet aller Kontaktverbotsregelungen voranzutreiben - und die entscheidenden Fragen dabei weitgehend zu ignorieren.

Was ist, wenn sich ein Fahrer kurz vor oder während der Tour infiziert? Dass die Profis im Peloton selbst keine Abstandsregeln einhalten können, versteht sich von selbst. Wie groß muss der Sicherheitsaufwand sein, um Zuschauer von der Strecke fernzuhalten? Man kann ihn sich nur als immens vorstellen. Je länger man darüber nachdenkt, umso undenkbarer erscheint es, wie man eine solche Veranstaltung drei Wochen lang durchziehen kann.

"Wenn die Tour ausfallen würde, das wäre schon schlimm", sagt Emanuel Buchmann, der Dritte des Vorjahres. Er sagt aber auch: "So, wie es im Moment aussieht, besteht dafür keine Chance." So viel Realismus bringt die Sportministerin derzeit noch nicht auf..

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