Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Vor 20 Jahren: Kölner zwischen Himmel und Hölle: Tour-Coup, dann Horror-Unglück

EXPRESS-Logo EXPRESS 28.06.2020 Uwe Bödeker
DuMont Mediengruppe GmbH & Co. KG © DuMont Mediengruppe GmbH & Co. KG DuMont Mediengruppe GmbH & Co. KG

Er war einer der schnellsten, ein echter Top-Sprinter. Marcel Wüst (52, Köln) hat 14 Etappen bei allen großen Rundfahrten gewonnen: Tour de France, Giro d’Italia und Spanienrundfahrt. Insgesamt waren es über 100 Siege in einer Karriere, die viel zu früh endete. Sein größter Coup gelang ihm 2000: Als Sprinter fuhr er ins Bergtrikot bei der Tour.

Wir gehen mit Marcel Wüst auf Zeitreise, fahren mit ihm eine Trainingsrunde im Norden Kölns. Dort wo für ihn alles begann im Jahr 1978, als er die erste Ausfahrt mit dem PSV Köln unternahm. 20 Jahre danach hat er sich ein neues Bergtrikot mit den markanten roten Punkten selbst gestaltet. Und wenn er von seinem Coup in Frankreich spricht wird er immer noch ganz emotional: „Da bekomme  ich heute noch Gänsehaut und bin sofort wieder in Gedanken auf der Strecke.“

Tour de France 2000: So reifte Marcel Wüsts Plan

Die lag im Freizeitpark Futuroscope im Örtchen Chasseneuil-du-Poitou im Herzen Frankreichs. Als Wüst den Streckenplan kurz vor der Tour bekam, reifte innerhalb weniger Stunden sein ausgewiefter Plan. Er wollte als Sprinter ins Bergtrikot schlüpfen. Und das gleich beim Prolog, dem Einzelzeitfahren zum Tour-Start. Auf den knapp 16 Kilometern  gab es nämlich eine kleine Bergwertung: 950 Meter lang, 3,7 Prozent Steigung.

Wüst-Bergtrikot © imago/Bürhaus Wüst-Bergtrikot

„Ich lag damals beim Team Festina mit unserem spanischen Kapitän Joseba Beloki auf einem Zimmer, als ich ihm sagte: ’Du Joseba, ich schnappe mir das Bergtrikot’. Er schaute mich ungläubig an und sagte nur: ’Was willst Du, Hombre?’“.

Joseba, ein Mann für die Gesamtwertung (am Ende Platz 3) und ein echter Kletterer: 1,78 Meter groß, 65 Kilogramm leicht. Wüst dagegen 1,81 groß und 73 Kilo pure Muskelmasse. Wie will dieser Brocken bloß ins Bergtrikot?

Wüst grinst noch heute: „Ich dachte mir, dass diese Bergwertung wie eine Sprintankunft ist. Knapp 1000 Meter voll durchballern. Das konnte ich doch. Also habe ich alles dafür getan, dass es die schnellste Zeit wird auf diesem Abschnitt.“ Während die anderen Fahrer den Prolog  auf ihren aerodynamischen Zeitfahrmaschinen absolvierten, startete Wüst mit seinem normalen Rennrad.

30 mal rauf und runter: So studierte Marcel Wüst den Anstieg

Bei der Streckenbesichtigung fuhren die Teamkollegen den ganzen Kurs ab, er jedoch studierte nur diesen Abschnitt der Bergwertung. „Ich bin an den Tagen vor dem Start bestimmt 30 Mal den Berg abgefahren, kannte jeden Gullydeckel und wusste genau, wo der Belag am besten war“, erzählt Wüst.

Nur Teamkollege Beloki war eingeweiht und zwei Betreuer aus dem Team, mehr nicht. „Wir wollten ja keinen anderen Sprinter auf diese Idee stoßen.“

Am Starttag war Wüst gar nicht nervös, wie sonst üblich am ersten Tag einer großen Rundfahrt: „Ich war voll im Tunnel, voll fokussiert. Ich wollte nur diesen Anstieg hochprügeln, der nach 2,5 Kilometern auf der Strecke kam“, erinnert sich der Kölner. Am Start fragten schon einige Konkurrenten, warum Wüst denn nicht mit seinem Zeitfahrrad starten würde. Er erfand eine Notlüge, sein Rahmen war angeblich gebrochen, deshalb würde er mit dem normalen Rad fahren.

Dann war er auf der Strecke, und als es in die Kurve zum Anstieg ging, lief alles perfekt. Wüst nahm den Kopf kaum rauf, kannte die Strecke perfekt. „Mein Puls war nie so hoch, über 200 Schläge. Meine Beine brannten wie Feuer, ich habe wirklich alles rausgehauen.“ Oben angekommen, ließ er erstmal rollen, war fix und alle. Sein Team tauschte noch seine Maschine, sodass er doch mit dem Zeitfahrrad ins Ziel einrollte.

Nach dem Coup köpfte das Team Festina zwei Flaschen Champagner

„Dort begann dann das Zittern“, sagt Wüst. Er lief im Teambus auf und ab. Würde ein anderer doch schneller sein? Der Amerikaner Frankie Andreu (von Lance Armstrongs Team US-Postal) ging auch mit dem normalen Rad auf die Strecke, hatte den gleichen Plan wie Wüst.

Wüst-RadFestina © Bödeker Wüst-RadFestina

Doch dann kam ein UCI-Richter mit grüner Jacke zum Festina-Bus und rief: „Marcel Wüst bitte mitkommen, er hat das Bergtrikot“. Wüsts Jubel kannte keine Grenzen. Er benötigte 1:11 Minuten für den Abschnitt, Andreu war acht Sekunden langsamer - Welten auf dieser Distanz! Am Abend wurden im Team zwei Champagner-Flaschen auf den Coup geköpft. Ein Sprinter im Bergtrikot – der Kölner schrieb in diesem Juli Tour-Geschichte. Das Trikot durfte er bis zur vierten Etappe tragen. Die gewann er dann im Sprint, wurde aber in der Bergwertung überholt vom Italiener Paolo Bettini.  Das Tour-Märchen wurde komplett, als Wüst  nach der sechsten Etappe noch zwei Tage im Grünen Trikot des besten Sprinters fuhr.

Sechs Wochen nach der Tour de France verunglückte Marcel Wüst schwer

Köln Marcel Wüst, kölscher Jung durch und durch. Geboren in Klettenberg, Grundschule in Bickendorf, Abitur im Gymnasium Kreuzgasse. Erster Radsportverein: PSV Köln. Unter dem legendären Trainer Dieter Koslar ( 2002) wurde Wüst zum Profi.

Wüst-Ingendorf © Uwe Bödeker Wüst-Ingendorf

Doch seine Karriere endete viel zu früh, im Alter von 33 Jahren. Sechs Wochen nach dem Tour-Coup  stürzte Wüst am 11. August bei einem Rennen in Issoire. Mit Tempo 60 schlug er mit dem Kopf auf den Bordstein.

Kölsches Grundgesetz half Wüst in schweren Zeiten

Der Helm rettete sein Leben, er verlor aber das rechte Auge. Über seinen Sport sagt Wüst immer: „Radsport ist hinfallen und wieder aufstehen.“ Doch wie kann man nach so einem Schicksalsschlag wieder aufstehen? Wüst sagt heute: „Das wichtigste war der familiäre Rückhalt. Und natürlich auch meine rheinische Art: Et es wie et es. Et kütt wie et kütt.“

Als die Diagnose endgültig war, war es trotzdem ein Schock. „Für mich war es das Karriereende. Denn ich wusste: Als Sprinter sind ja schon zwei Augen eigentlich zu wenig. Nach der Diagnose habe ich erstmal stundenlang geheult.“

Doch er ist wieder aufgestanden, wie er das schon als kleiner Junge lernte. Schon beim ersten Training war er gestürzt. Da hieß es: „Der Wüst ist ein Harter, der ist gleich wieder aufs Rad gestiegen.“

Nach der aktiven Karriere blieb Wüst dem Radsport erhalten. Zunächst war er  erfolgreicher ARD-Experte, schrieb jahrelang die Tour-Kolumne im EXPRESS und betreibt heute ein eigenes Hobby-Team. Auf Mallorca bietet er Rad-Urlaub auf seiner Casa Ciclista an.

Marcel Wüst sammelt 20 Jahre nach dem Ritt ins Bergtrikot Spenden

20 Jahre nach seinem heißen Ritt ins Bergtrikot und dem folgenden Etappensieg bei der Tour de France will Marcel Wüst auf ganz besondere Weise feiern. Am 5. Juli setzt er sich aufs Rad, um im Kölner Norden über 400 Kilometer zu fahren. Dabei sammelt er mit Hilfe von Sponsoren Geld. „Ich hoffe, dass eine stattliche Summe zusammen kommt. Das Geld werde ich dann zugunsten der Kinderkrebshilfe spenden“, sagt Wüst.

Mitte Juli organisiert Wüst dann noch mit dem Team Dauner eine Everest-Challenge in der Eifel. Auch hier werden Spenden für den Guten Zweck gesammelt. Bei der Everest-Challenge fahren die Fahrer an einem Tag 8848 Höhenmeter – so hoch, wie der höchste Gipfel der Erde. Wüst versucht auch prominente rheinische Profis wie  Andre Greipel (37, Foto) oder Nils Politt (26, beide  Team Israel Start-up Nation) mit ins Boot oder besser aufs Rad zu holen.

Das sagt Marcel Wüst über die Tour de France 2020

Am 29. August wird Wüst dann auch wieder bei der Tour mitfiebern. Er sagt: „Das wird ganz anders als all die Jahre zuvor, weil man nicht weiß, wie die Favoriten in Form sind. Haben sich alle motivieren können, als man im Lockdown alleine trainieren musste?“ Für ihn zählt Titelverteidiger Egan Bernal (23, Team Ineos) erneut zu den Sieganwärtern.

Vielleicht kann ihm ja Chris Froome (35, Foto) Paroli bieten. Der könnte von Ineos noch vor der Tour zu Israel Start-up Nation wechseln (hier mehr lesen). Wüst: „Ob er da bessere Chancen hat, die Tour zu gewinnen, weiß ich nicht, weil er vielleicht nicht ganz so gute Helfer dort hat. Aber für die Fans wäre es viel spannender, weil sich Froome dann an Bernal hängen muss und es keine Teamorder gibt.“

Hier lesen Sie mehr: Großer Kölner Arbeitgeber Ineos plant Überraschung bei der Tour de France

Über die heutige Profi-Generation generell sagt er: „Wir hatten fast immer ein Gläschen Wein auf dem Tisch oder haben den Mechanikern mal ein Bier gebracht. Die heutigen Profis sind da anders, sehr asketisch und fokussiert, fast wie Roboter.“

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von EXPRESS

| Anzeige
| Anzeige
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon