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„Ich wurde auf dem Spielplatz entdeckt“: Berlins größtes Basketballtalent Satou Sabally wechselt in die USA

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 20.04.2020 Louis Richter

Satou Sabally wuchs in Berlin auf und wechselt nun vom US-College in die Profiliga WNBA. Ein Gespräch über Träume, fehlende Vorbilder und ihr neues Doppelleben.

Ruhige Hand: Satou Sabally hat ihr Ziel klar vor Augen. © Foto: Imago Ruhige Hand: Satou Sabally hat ihr Ziel klar vor Augen.

Die Berlinerin Satou Sabally, 21, gilt als eines der weltweit größten Talente im Basketball. In ihrer Jugend spielte sie unter anderem für DBC Berlin und TuS Lichterfelde, bevor sie mit 19 Jahren an die University of Oregon wechselte. Ihre jüngere Schwester Nyara folgte ihr ein Jahr darauf. Mit den Oregon Ducks gewann Satou Sabally dreimal ihre regionale College-Liga. Am Freitag ist sie nun als zweiter Pick des Drafts vom College in die nordamerikanische Profiliga WNBA zu den Dalls Wings gewechselt.

Frau Sabally, jüngst wurden sie mit dem Cheryl Miller Award als beste Flügelspielerin der abgelaufenen College-Saison ausgezeichnet. Für Ihre Oregon Ducks erzielten Sie pro Spiel knapp 17 Punkte. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Das ist wirklich krass. Es ist schon eine Hausnummer, als beste Flügelspielerin in Amerika ausgezeichnet worden zu sein. Zumal Cheryl Miller auch eine echte Legende ist, sie ist wirklich eine inspirierende Persönlichkeit.

Sie haben bereits in jungen Jahren viel von der Welt gesehen und auf drei Kontinenten gelebt. Wie kam das zustande?

Ich bin in New York auf die Welt gekommen. Meine Mutter hat in der Stadt gearbeitet und sie geliebt. Mein Vater kommt aus Gambia, wo wir im Anschluss drei Jahre gelebt haben, bis ich in die Schule musste. Dann sind wir nach Berlin gezogen. Dort habe ich die Spreewaldgrundschule in der Pallasstraße besucht, wir haben unweit vom Nollendorfplatz gewohnt.

Wie sind Sie in Berlin mit dem Basketball in Kontakt gekommen?

Ich sage immer, dass ich auf dem Spielplatz entdeckt wurde (lacht). Ich war für mein Alter bereits sehr groß. Meine damalige Trainerin hat meine Mutter auf dem Spielplatz angesprochen, ich war, glaube ich, neun Jahre alt. Sie hat gefragt, ob ich nicht am Girls Day des Deutschen Basketball-Bundes in der Max-Schmeling-Halle teilnehmen möchte.

Das hat total viel Spaß gemacht, auch wenn ich überhaupt gar kein Basketball spielen konnte. Ich habe das Spiel zunächst nicht verstanden. Ich dachte, mein Team würde „Defense“ heißen (lacht). Danach habe ich angefangen, beim DBC Berlin in Schöneberg zu spielen. Damals noch zusammen mit den Jungs.

Sie haben also doch ein gewisses Talent feststellen können? Oder hat Sie der Spaß zum Vereinsbeitritt bewegt?

Es war eine Mischung aus Talent und Spaß. Ich war immer schon sehr athletisch, wodurch mir das Können auch relativ schnell in die Hände fiel.

Mit nur 14 Jahren waren Sie erstmals Teil der Frauenmannschaft vom TuS Lichterfelde, die in der Zweiten Bundesliga spielte. Wie wichtig war dieser Schritt für Ihre Entwicklung?

Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich härter spielen und klarer denken muss. Wenn man jung ist, ist man zwar flinker und hat mehr Energie. Aber die älteren Spielerinnen hatten Erfahrung. Die haben Pässe schon weit im Voraus geahnt. Oft kamen auch amerikanische Spielerinnen zu uns rüber, von denen ich mir viel abgucken konnte. Das war eine sehr wichtige Erfahrung.

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Wie realistisch erschien der Traum vom Profisport oder vom Gang in die WNBA damals?

Es schien damals überhaupt nicht erreichbar in Deutschland. Ich kannte keine deutsche Spielerin, die in der WNBA spielte, und auch keine, die auf dem Weg dorthin war. Erst mit der Zeit hörte ich von Spielerinnen, die ans College in die USA gingen.

Die Liga ist bis heute in Deutschland medial stark unterrepräsentiert. Kannten Sie damals Stars wie Sue Bird oder waren eher die männlichen Spieler der NBA ihre Vorbilder?

Anfangs hatte ich tatsächlich nur männliche Vorbilder. Ich kannte einfach keine Frauen. Das hat sich durch das Nutzen der sozialen Medien verändert, vor allem durch Instagram. Skylar Diggins-Smith wurde meine erste Lieblingsspielerin. Ich habe sie richtig geliebt. Auch, weil wir uns so ähnlich sahen und die gleichen Haare haben. Ich konnte trotzdem kaum mit Leuten darüber sprechen. Die Jungs in meiner Klasse haben immer nur über die männlichen Basketballer gesprochen.

Wie kam es zu Ihrem Wechsel an die University of Oregon?

Ich wurde über die Nationalmannschaft entdeckt. Ein Schiedsrichter, der damals ein Spiel von uns gepfiffen hat, hat die Trainer in den USA angerufen, die sich dann wiederum Spiele von mir angesehen haben. Ich wurde auf Facebook angeschrieben und habe so zu den einzelnen Coaches eine Beziehung aufgebaut.

Wenn man sich weiterentwickelt und gut spielt, bieten die Colleges die Stipendien an. Wenn es so weit ist, kann man den einzelnen Universitäten offiziell Besuche abstatten. Ich habe die University of Oregon und die Oregon State University besucht. Erstere ist es dann geworden, auch wenn die Entscheidung schwer war. Das ist wirklich ein intensiver Prozess, den ich größtenteils alleine durchgemacht habe.

Es muss ein tolles Gefühl sein, dank Basketball in die USA zu fliegen und an so einem Level anzukommen, oder?

Auf jeden Fall. Das war sehr cool, aber in vielerlei Hinsicht auch ein Kulturschock. Und man muss dazu wissen: Wenn man als Spielerin den offiziellen Besuchstermin wahrnimmt, wirst du natürlich auch wie eine Göttin behandelt. Da bleiben Schleimereien nicht aus (lacht).

Wie leicht oder schwer fiel Ihnen der sportliche Übergang zum Spiel in den USA?

Es ist definitiv ein anderes Spiel hier. Es geht deutlich weniger um Spielzüge und Systeme. Das Scoring ist hier die erste Priorität. Und ich finde, dass genau das mitunter in Deutschland fehlt. Da werden die Spielzüge langsam aufgebaut, man läuft diszipliniert immer wieder die Systeme durch. In den USA geht es schneller, die Spielerinnen und Teams wollen viel schneller Punkten. Es gab aber auch sehr frustrierende Momente, vor allem im ersten Jahr. Da beging ich in einem meiner ersten Spiele auf Grund des anderen Regelwerks fünf Schrittfehler und habe nach dem Spiel total geheult.

Ihre Schwester Nyara ist auch Teil des Teams, auf Grund von Verletzungen konnten Sie aber kaum mit ihr zusammenspielen.

Ja, das war echt Schei... Das war echt blöd (lacht). Sie hat sich im ersten Jahr bei der Nationalmannschaft das Kreuzband gerissen. Und im zweiten Jahr noch mal. Es ist extrem schade, dass wir nicht zusammenspielen konnten. Das wollten wir unbedingt, das war das Ziel der gemeinsamen Zeit hier.

Während Ihrer Zeit in Oregon haben sie mit den Ducks dreimal den Titel Ihrer regionalen Liga, der Pacific-12 Conference, gewonnen. Nur der Titelgewinn der nationalen Meisterschaft fehlt ihnen noch. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie wurde Ihnen die Chance genommen, den Titel zum Abschluss ihrer College-Karriere zu gewinnen.

Das war ein Schlag ins Gesicht. Nach dem Gewinn der Pacific-12 Conference hatten wir eine Woche frei. In der ist alles zusammengebrochen. Wir haben die Nachricht von unserem Trainer bekommen, dass wir am besten bleiben sollen, wo wir sind. Und das alles Sportliche abgesagt wurde. Es ist echt wahnsinnig bitter.

Sie haben bei einem Testspiel sogar die US-Nationalmannschaft geschlagen. Nach 1999 war es erst das zweite Mal, dass ein College-Team gegen Team USA gewinnen konnte. Was bedeutet Ihnen dieses Spiel und wie kam das zustande?

Im Rahmen der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele spielt die US-Nationalmannschaft traditionell auch gegen College-Teams. Für das US-Team ist das ein Trainingsspiel, für die College-Teams ist es Publicity. Ich kann mich heute an kaum eine Szene erinnern, weil ich so viel Adrenalin ausgeschüttet habe. Es war der Wahnsinn, gegen diese Legenden und Stars zu spielen. Wir sind mit dem Ziel ins Spiel gegangen, mit maximal zehn Punkten zu verlieren. Im dritten Viertel haben wir dann erstmals realisiert, dass wir gewinnen können und wollen. Das war eine tolle Erfahrung.

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Haben Sie bei diesem Spiel final realisiert, dass Sie gut genug für die WNBA sind?

Ja, dieses Spiel war sehr ausschlaggebend für meine Entscheidung, das College zu verlassen und Profi zu werden. Das Spiel war aber auch mental wichtig. Immer, wenn ich danach ein schlechtes Spiel hatte, hat mein Trainer mich an diese Partie erinnert.

Jüngst wurde ein neuer Tarifvertrag für die Liga verabschiedet, der den Spielerinnen mehr Gehalt und mehr Absicherung zusichert. Was bedeutet dieser Schritt für den Frauen-Basketball?

Das ist enorm wichtig. Ich wusste bereits, dass die Beschlüsse bald verabschiedet werden sollen. Und wäre das dieses Jahr nicht passiert, hätte ich vermutlich sogar noch ein Jahr länger am College gespielt. Auch die Bezüge für Erstjahresspielerinnen wurden erhöht, der Mutterschutz wurde angepasst. Ich finde generell, dass den Frauen-Basketballerinnen immer schon mehr zustand, als sie schlussendlich bekommen haben.

Die Draft muss nun auch digital stattfinden. Wie geht es Ihnen damit?

Das wird total komisch sein (lacht). Auch meine Abschlusszeremonie an der Uni lief schon digital ab. Das war bitter.

Um mehr zu verdienen, spielen Spielerinnen der WNBA seit Jahren nach der Saison in den USA auch in Europa. Dort verdienen sie mitunter sogar mehr. Ist das auch Ihr Plan?

Mit der Zeit habe ich realisiert, dass die WNBA viel Show ist. Ohne Frage: Sie ist die beste Liga der Welt. Aber es geht auch viel um PR. Es gibt dort mehr Aufmerksamkeit und dadurch mehr Werbedeals. Das Geld liegt aber nach wie vor in Europa, und ich werde auf jeden Fall auch im Winter dort spielen. Das geht natürlich nicht ein Leben lang, aber die ersten drei Jahre ist das fest eingeplant.

Sie spielen dann quasi zwei Saisons hintereinander. Haben Sie dann überhaupt noch so etwas wie eine Saisonpause?

Das muss man vertraglich vereinbaren, dass man trotz der beiden Saisons mal hier und da zwei Wochen freimachen kann.

Welche europäischen Länder sind für Sie als Spielerin lukrativ?

In der Türkei verdient man sehr gut. Aber auch in Spanien, Italien, Tschechien und vor allem in Russland. Außerhalb von Europa ist China auch ein sehr beliebtes Ziel.

Wie weit ist die deutsche Bundesliga von diesen Dimensionen entfernt?

Sehr weit. Ich glaube nicht, dass ich während meiner Profikarriere noch mal in Deutschland spielen werde. Ich könnte sicherlich auch dort in Ordnung verdienen, aber es muss noch viel getan werden, damit die Liga wirklich konkurrenzfähig wird.

Wie viel Respekt haben Sie vor dieser Doppelbelastung?

Ich habe vor allem davor Respekt, keinen Hauptwohnsitz zu haben. Das Pendeln von Saison zu Saison von den USA nach Europa ist sicher nicht ohne. Für mich als Berlinerin, die nicht davon ausgeht, noch einmal in ihrer Heimatstadt zu spielen, wird es schwierig, meine Familie zu besuchen und in Berlin zu sein. Ich vermisse die Stadt total.

Welche Verbindung haben Sie heute noch nach Berlin?

Ich bin meistens im Sommer dort. Es ist natürlich schwierig, mit allen Leuten Kontakt zu halten. Wenn ich in Berlin bin, fühlt sich aber sofort wieder alles normal an. Den engsten Draht habe ich natürlich zu meiner Familie und meinen engsten Freunden. Es ist natürlich schade, dass ich nicht öfter da sein kann. Was ich ebenfalls schade finde, ist das Verpassen von vielen kulturellen Entwicklungen. Ich habe kaum noch einen Überblick über deutschsprachige Musik.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung bei Alba Berlin, wo die Bemühungen für die eigene Frauenmannschaft zuletzt deutlich verstärkt wurden?

Das begrüße ich sehr! Im Männerbereich ist Alba schon immer erfolgreich, dementsprechend hat der Verein auch Ressourcen. Die haben bei anderen Berliner Frauenteams wie beim TuS Lichterfelde oder beim ASV Moabit gefehlt. Es ist wichtig, jetzt daran kontinuierlich weiterzuarbeiten und auch deutschen Spielerinnen die nötige Spielzeit zu gewähren.

Bei Teams der Bundesliga oder der Zweiten Liga passiert es schnell, dass verstärkt auf Amerikanerinnen gesetzt wird. Das ist aber ein Problem des DBB, der dafür andere Regelungen finden sollte, die deutschen Spielerinnen mehr Spielzeit garantieren. Der Weg zu einer besseren Liga kann auf Dauer nur der sein, dass deutsche Spielerinnen bewusst gefördert und weiterentwickelt werden.

Und Sie als Berlinerin, die aus der deutschen Basketballszene kommt, können als WNBA-Spielerin natürlich auch eines der Vorbilder sein, das Sie damals als Mädchen vermisst haben.

Absolut. Darum freue ich mich auch über Interviews wie dieses. Damit die Mädels sehen, dass etwas passiert, damit sie Vorbilder finden. Damit sie sehen, dass echt alles möglich ist. Denn wenn das nicht sichtbar ist, bleiben ein paar Türen von vornherein geschlossen. Das zu ändern, ist ein wichtiger Job, den auch ich annehme. Ich werde mich darum bemühen, in Berlin und generell in Deutschland Camps von Jugendspielerinnen zu besuchen und mein Gesicht zu zeigen. Ich möchte zeigen, dass ich real bin, dass ich da bin.

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