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Jack Johnson: Der Boxer, der das weiße Amerika schockte

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 10.06.2021 Philipp Awounou

Vor 75 Jahren starb Jack Johnson, der erste Schwarze Weltmeister im Schwergewichtsboxen. Statt geliebt wurde er zum Feindbild. Weil er gegen Weiße gewann.

Jack Johnson gegen Jim Jeffries © Everett Collection/​imago images Jack Johnson gegen Jim Jeffries

Eine riesige Menschenmenge. Ein Boxring. Zwei Kämpfer. Der eine kauert am Boden, mühsam sucht er Halt in den Seilen. Der andere steht einige Schritte entfernt, aufrecht, fast lässig, und blickt auf seinen Kontrahenten herab. Es ist eines der ikonischsten Fotos der Sportgeschichte. Weil der Boxer, der am Boden liegt, weiß ist. Und der andere nicht.

Jack Johnson ist der erste Schwarze Schwergewichtsweltmeister der Geschichte.

Am 4. Juli 1910 verteidigte er seinen Titel im "Kampf des Jahrhunderts" gegen Jim Jeffries, an diesem Tag entstand das Foto. Sein Sieg schockte die US-Gesellschaft, sorgte gar für Todesfälle und hat Auswirkungen bis heute. Johnsons langer, harter Weg hin zu diesem Höhepunkt – und sein tiefer Fall danach – zeugen von einer der dunkelsten Zeiten in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

1878 wird Johnson geboren, in Galveston im Bundesstaat Texas, hinein in ein schwer verwundetes Amerika. Mit dem Ende des Bürgerkriegs (1865) ist das Zeitalter der Sklaverei offiziell beendet, doch Rassismus bleibt das zentrale Element der sozialen Ordnung. Systematisch werden Schwarze und weiße Realitäten getrennt, basierend auf einem horrenden rechtlichen Grundsatz: Separate but equal. Getrennt, aber gleich.

Schwarze Menschen dürfen nicht dieselben Schulen besuchen wie Weiße, nicht dieselben Lokale. In Bus und Bahn müssen sie eigene Abteile nutzen. Selbst auf Wasserspendern prangt der Schriftzug "White Only". Durch alle Bereiche des Lebens zieht sich diese Color Line. Auch durch den Boxsport.

Erster Kampf mit 13

Ende des 19. Jahrhunderts befindet sich das moderne Boxen in der Pionierphase. Bis 1892 wurde mit bloßen Händen und kaum reglementiert gekämpft, dann revolutionieren die bis heute gültigen Queensberry-Regeln den Sport. Eine offizielle Color Line wird nie in die Statuten aufgenommen, doch das ist gar nicht nötig. Unter weißen Kämpfern gilt wie selbstverständlich: Gegen Schwarze wird nicht geboxt.

Erst recht nicht gegen Jack Johnson.

Mit sieben verlässt der Sohn ehemaliger Sklaven die Schule, um in den Hafendocks zu arbeiten. Mit 13 kämpft er zum ersten Mal. Jahrelang tritt er bei "Negro Battle Royals" an, Schaukämpfen, bei denen bis zu zehn Schwarze Boxer – häufig mit verbundenen Augen – aufeinander einprügeln, zur Unterhaltung eines größtenteils weißen Publikums. Wer die Tortur am längsten aushält, gewinnt.

Oft gewinnt Johnson.

Schnell boxt er sich nach oben. 1903 wird er "Colored Heavyweight Champion", inoffizieller Schwergewichtsweltmeister der Schwarzen. In den kommenden fünf Jahren verteidigt er den Titel 17-mal.

Eigentlich müsste Johnsons Geschichte hier enden, mehr konnte ein Schwarzer nach damaligen Konventionen nicht erreichen. Doch wenn es eines gibt, um das sich Johnson nicht schert, dann: Konventionen. 

Eine globale Sensation: Jack Johnson © Hulton Archive/​Getty Images Eine globale Sensation: Jack Johnson

Johnson ist rebellisch und selbstbewusst. Jahrelang provoziert er weiße Weltmeister und fordert sie öffentlich heraus: Jim Jeffries (1899-1905), Marvin Hart (1905-06), Tommy Burns (1906-1908). Letzterem reist er fast zwei Jahre lang quer durch die Staaten hinterher, selbst nach Paris und London folgt er ihm. Als ein australischer Promoter Burns schließlich 30.000 Dollar Antrittsprämie bietet – eine gigantische Summe – kann der Weltmeister nicht mehr ablehnen, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Es kommt zum Kampf.

Schon nach wenigen Sekunden geht Burns in Sidney erstmals zu Boden. Johnson deklassiert ihn. Leichtfüßig, fast tänzelnd, bewegt er sich durch den Ring. Er boxt anders, technisch anspruchsvoller als seine Zeitgenossen, immer wieder überrascht er mit unkonventionellen Bewegungen. Und er verteidigt grandios. "Für seine Zeit", wird die Boxlegende Mike Tyson Jahrzehnte später sagen, "war Johnson ein defensives Genie".

Burns landet keinen einzigen wirksamen Treffer, während ihn Johnson spielend durch den Ring prügelt. Der Triumph eines endgültigen Knock-outs bleibt dem Herausforderer allerdings verwehrt: Die Polizei bricht den Kampf vorzeitig ab, was am Ergebnis jedoch nichts ändert. Der Titel gehört Johnson, der nicht nur einen dominanten Kampf geliefert hat, sondern auch eine große Show.

Immer wieder hatte er ins Publikum gelacht. Seinen Gegner verhöhnt und provoziert, ihn so systematisch aus der Deckung gelockt. Typisch Johnson. Als einer der ersten Sportler wendet er eine Technik an, die später zahlreiche prominente Nachahmer finden wird: Trash Talk.

"Ich weiß, ich bin schlimm", wird Muhammad Ali einmal sagen, "aber Jack Johnson war verrückt".

Feindbild einer ganzen Gesellschaft

Der Titelgewinn macht aus Johnson eine globale Sensation und einen wohlhabenden Mann. Er trägt feine Anzüge, fährt schnelle Autos, trifft viele Frauen – insbesondere weiße – und pflegt Kontakte ins Rotlichtmilieu. Ein Sohn ehemaliger Sklaven, der vor den Augen einer entsetzten weißen Öffentlichkeit bestmöglich nach eigenem Willen lebt: auch das eine Form des Trash Talk.

"Johnson war stark motiviert, der Gesellschaft zu zeigen, wozu er als schwarzer Mann imstande ist", sagt der Sporthistoriker Ansgar Molzberger von der Deutschen Sporthochschule Köln. "Wenn er für seine Lebensweise kritisiert wurde, kümmerte ihn das wenig. Er trat sehr, sehr selbstbewusst auf."

Mit seinem Lebensstil eckt der Boxer auch unter Schwarzen an. Nicht Jack Johnson wird für viele Weiße zum Feindbild, sondern der Schwarze Mann Jack Johnson. In einer Zeit, in der teils wöchentlich Lynchmorde stattfinden, fürchten viele Schwarze, eines Tages unter dem großspurigen Auftreten Johnsons leiden zu müssen.

Sie werden Recht behalten.

Der Kampf des Jahrhunderts

Mit seinem Titelgewinn hat Johnson das Dogma der weißen Suprematie angegriffen. Es ist zu jener Zeit das zentrale Weltbild im weißen Amerika, das sich gegenüber seinen Schwarzen Mitbürgern als naturgemäß überlegen betrachtet. Nicht nur intellektuell, auch körperlich. Jetzt, da Johnson dieses Narrativ ins Wanken bringt, braucht es einen Ehrenretter. Die Wahl fällt auf Jim Jeffries.

Er gilt als bester Boxer der Geschichte: Sechs Jahre Weltmeister, ungeschlagen bis zum Rücktritt 1905. Nun, 1910, kehrt er unter dem Spitznamen Great White Hope zurück. Das Versprechen der großen, weißen Hoffnung: "Ich werde in den Ring steigen und zeigen, dass ein weißer Mann der König von allen ist."

Die großen Töne Jeffries passen zum allgemeinen Sound des Events, das als "Kampf des Jahrhunderts" ausgelobt wird. Kein komplett vermessener Titel angesichts der politischen Sprengkraft, aber vor allem ein Symptom des beginnenden Ballyhoo im Boxsport. 

"Beim Box-Storytelling bieten sich Dualismen an. Gut gegen Böse, David gegen Goliath, oder hier: Schwarz gegen Weiß", so Molzberger. "Der Kampf wurde zum Nonplusultra stilisiert."

Zur übertriebenen Theatralik gehört auch die Wahl des Termins: Der Kampf steigt am 4. Juli 1910, dem Unabhängigkeitstag der USA. Über 20.000 Menschen, größtenteils Weiße, kommen nach Reno, Nevada, wo eigens für den Kampf eine Outdoor-Arena errichtet wurde. Sie wollen Jeffries siegen sehen. Stattdessen erleben sie die nächste Johnson-Show.

Eckte an: Jack Johnson © Hulton Archive/​Getty Images Eckte an: Jack Johnson

Der amtierende Champion dominiert den Kampf ab der ersten Runde. Immer wieder kommt er mit seinem rechten Aufwärtshaken durch, während Jeffries an Johnsons Verteidigung verzweifelt – und zunehmend genervt wirkt von dessen Trash Talk. In Runde 15 ist es soweit: Jeffries geht zu Boden. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Dann ist der Kampf vorbei. 

Schon Johnsons Titelgewinn gegen Burns war ein Schock. Seine Verteidigung gegen Jeffries ist mehr. Während der Champion zunächst unbehelligt seinen Triumph feiert, kommt es quer durch die USA zu Tumulten und Gewalt. An vielen Orten ziehen weiße Lynchmobs durch die Straßen und attackieren feiernde Schwarze. Erschlagen sie, erschießen sie, hängen sie an Brücken auf. Zwei Tage später sind mehrere Hundert Menschen verletzt und mindestens 19 tot. Davon 17 Schwarze.

Zu diesen schweren, unmittelbaren Folgen kommt ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel. Um den offensichtlichen Widerspruch zwischen Johnsons Dominanz und der propagierten weißen Überlegenheit aufzulösen, wird dem Narrativ ein Update verpasst: Fortan stehen weiße Menschen einzig aufgrund ihres vermeintlich größten Intellekts an der Spitze der sozialen Hierarchie. Schwarzen Menschen wiederum werden körperliche Vorteile zugeschrieben – als Ergebnis einer primitiven, tierähnlichen Natur.

Der Soziologe Ben Carrington beschreibt Johnson deshalb als unfreiwilligen Begründer eines neuen rassistischen Stereotyps: das des überlegenen Schwarzen Athleten. Bis heute hält sich dieser biologistische Mythos, wenngleich mittlerweile als erwiesen gilt, dass die Ethnie – wenn überhaupt – nur eine verschwindend geringe Rolle spielt, wenn es um die Dominanz Schwarzer Sportler im Sprint, Football oder Basketball geht.

1913 kassiert Johnson den härtesten Schlag seiner Karriere – vor Gericht. Unter Anwendung des Mann-Acts, der die sexuelle Ausbeutung weißer Frauen verhindern soll, wird er verhaftet. Eine ehemalige Partnerin belastet ihn unter massivem Druck falsch. Eine ausschließlich weiße Jury spricht ihn binnen zwei Stunden der "weißen Sklaverei" schuldig. Die Strafe: 13 Monate Haft. So steil Johnsons Karriere verlaufen ist, so schnell ebbt sie nun ab.

Um dem Gefängnis zu entgehen, setzt sich der Weltmeister nach Europa ab. Seine Konten sind eingefroren, einmal kämpft er in Spanien für 200 Dollar Preisgeld um die Existenz. Seinen Titel kann er noch einige Male verteidigen, doch mit 37 Jahren verliert er ihn an Jess Willard. Anschließend kehrt er in die USA zurück und tritt seine Haftstrafe an.

Dem Boxsport bleibt Johnson auch nach der Karriere treu. Noch 1945, mit 67 Jahren, steigt er in den Ring. Am 10. Juni 1946, vor genau 75 Jahren, stirbt er bei einem Autounfall.

Kurz bevor er mit über 70 Meilen pro Stunde gegen einen Telefonmasten prallt, hält Johnson mit einem Freund an einem Drive-in. Nach seiner Bestellung werden die Männer aufgefordert, draußen zu essen, da das Lokal Weißen vorbehalten sei.

Im Unfallbericht heißt es: "Johnson war darüber so erzürnt, dass er mit seinem Begleiter davonraste."

Zurück bleibt ein erstaunliches, lange vergessenes und noch heute unterschätztes Vermächtnis. Einerseits verschob Johnson die Grenzen des Möglichen für Schwarze: Er war der erste Schwarze Superstar der USA, sein Stil, aber auch sein Trash Talk inspirierten viele Athleten nach ihm – allen voran Muhammad Ali.

Zugleich ist Johnson Ausgangspunkt eines sehr wirksamen rassistischen Stereotyps und eine bis heute umstrittene Figur, auch unter Schwarzen, gefeiert und kritisiert aus demselben Grund: weil er mit Konventionen brach.

In der politischen Arena war Johnson derweil machtlos. Wirklich rehabilitiert wurde er erst 2018: 110 Jahre nach seinem Titelgewinn unterschrieb Donald Trump – offenbar überzeugt von Sylvester Stallone – ein posthumes Pardon für Johnson.

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