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Gewalt im Reitsport: Das Leiden der Pferde

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 15.07.2019 Nantke Garrelts

Im Dressursport finden weiter Praktiken statt, die den Pferden Schmerz und Schaden zufügen. Dabei ist das gar nicht nötig. Eine Analyse.

Beine hoch um jeden Preis? Totilas galt als "Wunderpferd" und musste wegen eines Knochenödems jung seine Karriere beenden. © Foto: Larry Smith/DPA Beine hoch um jeden Preis? Totilas galt als "Wunderpferd" und musste wegen eines Knochenödems jung seine Karriere beenden.

Es ist ein Bild wie aus einem Kalender: Eine Gruppe weißer Pferde ist am Unterstand versammelt, die meisten liegen entspannt auf dem Boden, einige sind halb aufgerichtet, drei davon stehen in der Sonne. Für Fluchttiere ein ungewöhnliches Verhalten, werden Pferde doch meist spätestens dann nervös, wenn ein Fremder sich nähert. Nicht so auf dem Camarguepferdehof in Altlandsberg. Hofbetreiberin und Reitlehrerin Myriam Krefting führt das Pferd „Valou“ von der Weide. Sie putzt es und erklärt die ersten Schritte vor dem Losreiten: Nur mit dem Gewicht und eventuell der Stimme soll geritten werden. Denn die Zügel sind in ein einfaches Halfter eingeschnallt. Zum Anhalten wird ausgeatmet und sich schwer hingesetzt, beim Anreiten das Gewicht nach vorne verlagert, für Richtungsänderungen der Oberkörper eingedreht wie beim Fahrradfahren.

Die Stimmung ist entspannt, alles geht mit reichlich Geduld und Kraulen vor sich. Hier lernen viele Reiter das Reiten neu, abseits vom Massenbetrieb zahlreicher Reitschulen. „Viele erwachsene Schüler müssen sich erst einmal daran gewöhnen, dass unsere Pferde stehenbleiben, wenn man sie in die Seiten boxt oder am Zügel zieht“, erzählt Krefting. „Da merkt man dann, dass in vielen Reitschulen irgendwas schiefläuft.“

Dass etwas schiefläuft, ist mittlerweile wissenschaftlich bewiesen: 2018 beim CHIO in Aachen, dem renommierten internationalen Reitturnier, hat der WDR gemeinsam mit der Biologin und Pferdeforscherin Kathrin Kienapfel insgesamt 28 Teilnehmer der höchsten Klasse einer Dressurprüfung gefilmt und die Ritte wissenschaftlich ausgewertet. Das Ergebnis: Mehr als ein Drittel der Pferde zeigten über 150 Unmutsäußerungen, im Durchschnitt waren es 100. „Kein einziges Pferd ging dauerhaft vor der Senkrechten“, sagt Kathrin Kienapfel, „und es gab eine unheimlich hohe Anzahl an Konfliktverhalten.“

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Schönheitsideal runder Hals

Zum CHIO 2019 in Aachen kommt eine Diskussion wieder auf, die bei der Frage nach dem Winkel des Pferdekopfes beginnt und bei den Umgangsformen auf Reiterhöfen überall in Deutschland und der Welt endet. Denn ob ein Pferd mit der Nase vor oder hinter der Senkrechten geht, ob es das Maul aufsperrt oder mit dem Schweif schlägt, ist mehr als ein ästhetisches Thema. Es geht um die Praxis, die man früher „Rollkur“ nannte und heute als "low, deep, round" (LDR) bezeichnet. Dabei soll das Pferd mit der Nase hinter der Senkrechten gehen, mit aufgewölbtem Hals. Tierschützer kritisieren diese Reitweise.

Das Problem beginnt an der Basis und verschärft sich mit steigender sportlicher Ambition: In vielen deutschen Reitställen ist das Schönheitsideal ein Pferd mit gebogenem Hals und einer Nasenlinie hinter der Senkrechten. "An den Zügel reiten", lautet das Ziel der meisten Dressurstunden. Der Reiter oder die Reiterin möchte, dass das Pferd dem Zügel nicht ausweicht und den Kopf nicht zu hoch trägt. Um das zu erreichen, wird oft am Zügel gezogen und zwischendurch kurz nachgegeben. Es kommen sogenannte Ausbindezügel zum Einsatz, die den Kopf des Pferdes Richtung Brust ziehen.

Weicht das Pferd aus, erschreckt es sich oder hebt den Kopf, kommen starker Zügelzug und manchmal die Gerte zum Einsatz. All das sind Mittel, um ein über 500 Kilogramm schweres Fluchttier gefügig zu machen. In einem Sport, in dem die beiden Athleten nicht dieselbe Sprache sprechen, ist Gewalt der kürzeste Weg. Nur: Eigentlich dürfte es diesen Weg gar nicht geben.

„Der physischen wie psychischen Gesundheit des Pferdes ist unabhängig von seiner Nutzung oberste Bedeutung einzuräumen“, steht in den „Ethischen Grundsätzen des Pferdefreunds“ der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Demnach sind Methoden wie das Ziehen an den Zügeln und das Boxen in die Flanken verboten. Dafür hat die FN ein Ampelsystem entwickelt, das schon auf dem Abreiteplatz gilt. Unter den Merkmalen, die laut dieser Regeln in den roten Bereich fallen und dementsprechend sofortiges Eingreifen der Stewards und Tierärzte erfordern, steht dort: „gezielt gegen das Pferd gerichtete Einwirkung oder Anwendung von Techniken“ sowie „bewusstes und deutliches Rückwärtswirken mit der Hand bzw. Riegeln“.

Ampelsystem am Abreiteplatz

Die Leitende Tierärztin der FN, Henrike Lagershausen, beschreibt das Prozedere wie folgt: Wenn der Richter oder die Richterin feststellt, dass sich das Pferd- Reiter-Paar in Richtung des roten Bereiches des Kriterienkataloges bewegt, gehen sie in der Regel diskret zum Reiter und sprechen ihn auf den Missstand an, in deutlicheren Fällen sprechen sie gleich eine Rüge aus, bei wiederholten Verstößen oder ausbleibender Veränderung ist eine Disqualifikation möglich.

Kienapfel hält diese Regeln für sinnvoll. Uneinig ist sie mit der FN bei der Frage nach der genauen Kopfposition. „Die Kopf-Hals-Haltung des Pferdes wird so angestrebt, dass sich die Stirn-Nasen-Linie des Pferdes etwas vor oder an der Senkrechten befindet", heißt es in den Richtlinien zum Reiten und Fahren. Die FN will aber das Gesamtbild und das Reiten über einen Zeitraum von mehreren Minuten berücksichtigt wissen. „Alleine die Beurteilung der Stirn-Nasen-Linie reicht nicht aus, um festzustellen, ob ein Pferd pferdegerecht geritten wird", sagt Henrike Lagershausen dazu. Kathrin Kienapfel stimmt dem zwar grundsätzlich zu, geht aber noch einen Schritt weiter: Der gesenkte Kopf kollidiert mit dem Gebot der Gesunderhaltung des Pferdes. „Eine Meta-Analyse hat ergeben, dass Pferde, die hinter der Senkrechten geritten werden, sich nicht wohlfühlen“, sagt die Biologin.

Im schlimmsten Fall kann das Herunterziehen des Kopfes zu Muskelkrämpfen im Unterhals, Atemwegserkrankungen und muskulären Dysbalancen führen. Außerdem wird dem Fluchttier Pferd die Sicht versperrt, es wird gegen seine Natur eingesetzt. „Wenn die Nasenlinie hinter der Senkrechten ist, wird unter anderem der Musculus brachiocephalicus eingesetzt, um den Kopf zu beugen“, erklärt Kienapfel. Der wiederum hilft den Pferden aber auch, die Vorderbeine im Trab nach vorne und oben zu ziehen – neben dem runden Hals und dem gesenkten Kopf ein weiteres Schönheitsmerkmal in der Dressur. „Die Bewertungen im Reitsport haben sich leider verschoben in Richtung Spektakel, obwohl die Regeln gleich und richtig geblieben sind“, sagt Kienapfel. „Das sehen dann die kleinen Mädchen auf den Turnieren und meinen, sie müssen zu Hause auch so reiten.“

Fokus auf den Kopf oder Gesamtbild?

Die FN pflichtet ihr bei. „Korrektes Reiten sollte immer den Wechsel aus Annehmen und Nachgeben beinhalten, da braucht man gar keine fixierte Kopfhaltung“, sagt Lagershausen. Doch warum wird diese Reitweise nicht unterbunden, wenn sie doch gegen die Regeln verstößt? Zunächst einmal ist der CHIO ein Turnier unter der Ägide der Internationalen Reiterlichen Vereinigung, nicht der FN. Ein weiteres Problem: Stewards waren in den meisten Fällen einmal Richter, und Richter werden von den Turnierveranstaltern persönlich eingeladen.

Bewertet ein Richter einen Stargast schlecht, lädt der Turnierveranstalter diesen Richter möglicherweise nicht mehr ein. Ein weiterer Aspekt sind die Schönheitsideale und Blickweisen der Richter, aber auch des Publikums. Eine Studie, die die Blickverläufe von Reitprüfungsrichtern verfolgte, stellte fest, dass die Richter meist nur auf die vordere Körperhälfte schauen. Ob ein Pferd insgesamt harmonisch geht, entgeht den meisten Richtern. Dabei kann ein im Hohlkreuz gehendes Pferd schwere Rückenschäden durch das sogenannte „Kissing Spines“-Syndrom davontragen, bei dem die Dornfortsätze sich berühren.

„Das Problem ist nicht, dass die Richtlinien der Grundausbildung schlecht wären“, sagt Krefting. „Das Qualitätsmanagement der FN ist schlecht, Ausbilder und Richter werden nicht ausreichend überprüft.“ Sie fordert strengere Kontrollen, würde am liebsten einen Zügel einführen, der bei zu viel Spannung reißt. Studien zur Zügelspannung zeigen, dass durch die Hebelwirkung der Zügel oft mehrere Kilogramm Gewicht auf dem zarten Pferdemaul liegen. Auch Kandare und Sporen hätte man sich früher sprichwörtlich verdienen müssen, eben weil sie dem Pferd erhebliche Schmerzen zufügen können, sagt Krefting. Heutzutage würden solche Hilfsmittel viel zu früh angewendet.

Schon der Reitlehrer Ludwig des XVII., Antoine de Pluvinel, schrieb in seiner Reitlehre: „Wir sollten besorgt sein, das Pferd nicht zu verdrießen und seine natürliche Anmut zu erhalten, sie gleicht dem Blütenduft der Früchte, der niemals wiederkehrt, wenn er einmal verflogen ist.“

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