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Florian Kohfeldt: Der große Verlierer

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 6 Tagen Oliver Fritsch

Florian Kohfeldt galt als Deutschlands Trainer der Zukunft, nun könnte er mit Bremen absteigen. Weil er die Mannschaft überschätzt hat und vielleicht auch sich selbst.

Florian Kohfeldt, einst Jahrgangsbester im DFB-Trainerlehrgang © Friedemann Vogel/​Pool/​AFP/​Getty Images Florian Kohfeldt, einst Jahrgangsbester im DFB-Trainerlehrgang

Vielleicht war der Fluch des DFB schuld. 2018 wählte der Verband Florian Kohfeldt zum Trainer des Jahres. In den Jahren zuvor wurde diese Ehre Hannes Wolf und Markus Kauczinski zuteil. Kauczinski stürzt gerade mit Dresden in die Dritte Liga, Wolf ist gar nicht mehr im deutschen Fußball tätig. Und Kohfeldt könnte an diesem Samstag mit Werder Bremen aus der Bundesliga absteigen.

Selbst wenn sich Bremen noch retten sollte, steht bereits jetzt fest, dass Kohfeldt der Verlierer der Saison ist. Er galt in Deutschland als Trainer der Zukunft, wurde vor einem Jahr in Dortmund gehandelt. Doch trägt er für die schwachen Leistungen der Bremer die Hauptverantwortung, denn er hat seine Mannschaft überschätzt und vielleicht auch sich selbst.

Gebildet, eloquent, kooperativ, fleißig, empathisch, leidenschaftlich, vertraut mit allen taktischen Systemen, Jahrgangsbester im DFB-Lehrgang – Kohfeldt bringt viel mit, was eine Führungskraft heute ausmacht und was ihn zum Liebling eines Milieus macht, das in den vergangenen Jahren einflussreicher geworden ist. Mehmet Scholl würde es "die Studenten" nennen.

Aber in einer Schlüsselfrage lag Kohfeldt gewaltig daneben: Er schätzte seine Mannschaft falsch ein. Beflügelt von Platz 8 im Vorjahr und der Tatsache, dass er erst durch einen falschen Elfmeter für die Bayern das Pokalhalbfinale verlor, gab er das offizielle Ziel Europapokal aus. Dafür ließ er offensiven Ballbesitzstil spielen.

Das war zu optimistisch und ging vor allem zu Hause schief. Werder gewann in der gesamten Saison nur ein Heimspiel, das knappe 3:2 gegen zehn Augsburger am 1. September. Offenbar glaubte Kohfeldt seinem Kaderplaner, der Josh Sargent als "eines der vielversprechendsten Talente seines Jahrgangs weltweit" bezeichnete. Dem amerikanischen Stürmer, im Jahr 2000 geboren, traute Kohfeldt wie Johannes Eggestein fünf bis zehn Tore in dieser Saison zu. Beide trafen nicht mal gemeinsam fünfmal.

Bremen kickte wie ein Zweitligist

Auch von Yuya Osako und Davie Selke schwärmte Kohfeldt öffentlich in einem Maße, dass mancher außerhalb Bremens zweimal hinhören musste. Dabei hatte Selke, der im Winter teuer gekauft wurde, auf all seinen früheren Stationen Zweifel hinterlassen. Und Osako traf zwar bei der jüngsten Niederlage in Mainz einmal ins Tor, vergab aber oft die Möglichkeit, nach vorn zu passen oder ins Dribbling zu gehen. Der Japaner steht für Werders Harmlosigkeit.

In der Tabelle rächt sich auch, dass sich Werder und Kohfeldt den Kult erlaubten, dem inzwischen 41-jährigen Claudio Pizarro einen Kaderplatz einzuräumen. Eine Personalie, für die ein unbeliebterer Verein von der Presse was zu hören bekommen hätte. Auf siebzehn Einwechslungen kommt der peruanische Altstar, ein Tor schoss er nicht. Vielleicht hätte Kohfeldt besser auf den Jugendnationalstürmer Nick Woltemade setzen sollen.

Auch in anderen Mannschaftsteilen fehlt es Bremen an Klasse. Die Verteidiger Kevin Vogt und Ömer Toprak oder die Mittelfeldspieler Davy Klaassen und Nuri Şahin sind durchschnittliche Bundesliga-Spieler. Überhaupt hat Bremen eine Reihe ähnlich veranlagter Fußballer: technisch gut, erfahren, aber nicht sonderlich athletisch. Gegen die wuchtigen Mainzer hatten die langsamen Bremer zweimal keine Chance. Ohnehin kickten sie im Herbst und Frühjahr das eine oder andere Mal nicht wie ein Absteiger, sondern wie ein Zweitligist. 

Zuletzt korrigierte Kohfeldt seine Ausrichtung, ließ mehr verteidigen. So gelangen ihm nach der Corona-Pause drei Siege in neun Partien. Im letzten Spiel gegen Köln wird Bremen eine reelle Siegchance haben, aber es könnte zu spät sein. Bremen hat auch deswegen so wenige Punkte, weil sich kaum ein Spieler unter Kohfeldt in dieser Saison zu einem besseren entwickelt hat. Milot Rashica, Bremens bester Offensiver, jedenfalls nicht. Maximilian Eggestein, der mit der deutschen U21 im Vorjahr im EM-Finale stand, auch nicht.

Es lag natürlich nicht nur am Trainer. In der Verantwortung steht auch der Geschäftsführer Sport Frank Baumann. Er hätte die Mannschaft besser verstärken können. Max Kruse, der in die Türkei ging, wurde nicht angemessen ersetzt. Niclas Füllkrug, der vor der Saison nach Bremen wechselte, hatte bereits eine lange Krankenakte, bevor zu Saisonbeginn sein Kreuzband riss. Ob Werder künftig besser einkauft? Jüngst hat der Verein die Verpflichtung eines 18-jährigen ecuadorianischen Mittelfeldspielers bekannt gegeben, der allerdings seit einem Jahr fast ohne Spielpraxis ist.

Der größte Vorwurf an Baumann und den Aufsichtsratschef Marco Bode lautet jedoch, an Kohfeldt bis zum Schluss festgehalten zu haben. Die Warnungen der ehemaligen Werder-Meisterspieler Uli Borowka, Rune Bratseth und Dieter Burdenski ignorierte die aktuelle Führung. Zuletzt schrieb Klaus Allofs im Kicker, es sei "ein Fehler" gewesen. Vielleicht hatten die Kritiker noch im Hinterkopf, dass Kohfeldt vor drei Jahren bereits mit der U23 um ein Haar in die Regionalliga abgestiegen wäre.

Nun könnte die Bundesliga einen weiteren großen Namen verlieren. Kein anderer Verein hat so viele Jahre in der höchsten deutschen Spielklasse verbracht wie Werder Bremen. Nur in der Saison 1980/81 war das grün-weiße Gründungsmitglied nicht dabei. Zwar ist der vierfache Meister und sechsfache Pokalsieger schon seit einigen Jahren kein Titelkandidat mehr, aber noch immer von der Infrastruktur her ein passabler Bundesliga-Standort. In der Gehältertabelle liegt Werder auf Rang 10. Unter solchen Voraussetzungen muss man nicht absteigen, nicht mal, wenn man so viel Verletzungspech hat wie Bremen in der Hinrunde. 

Auch Jürgen Klopp stieg einst ab

Der erst 37-jährige Kohfeldt steht freilich erst am Anfang seiner Karriere, gerade fliegen ihm ein paar großspurige Zitate wie Bumerangs um die Ohren. "Ausschließen", sagte er vor der Saison, "kann ich nur zwei Dinge: dass wir um die Meisterschaft spielen und dass wir mit dem Abstieg zu tun bekommen". Kürzlich, schon im tiefen Abstiegskampf, sagte er: "Ich bin nach wie vor der Beste für Werder." Ob er bleibt, ist offen. Angeblich ist er nun bei Hoffenheim im Gespräch.

Der Fall Kohfeldt liefert einen Beitrag zur Debatte über die zwei Trainerschulen. Die erste besteht aus den gestandenen Ex-Profis, von denen manche glauben, das Trainersein laufe von allein. Die zweite bilden die "Laptop"-Trainer, die selbst nie auf hohem Niveau gespielt haben. Ihnen fällt es oft schwerer, zu erkennen, wie gut ein Fußballer tatsächlich ist, welches Potenzial er hat, wo seine Grenzen liegen.

Kohfeldt, der kurz Tormann in der Amateurklasse war und in sehr jungen Jahren Trainer wurde, ist der Prototyp der zweiten Schule. Vielleicht eignet er sich künftig noch das an, was ihm zum Spitzencoach fehlt. Auch Jürgen Klopp stieg einst mit Mainz ab. Seitdem wird er immer besser.


Galerie: Werder Bremen: Es war einmal ein Spitzenteam... (dw.com)

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