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Coronavirus und Schach-Kandidatenturnier: "Hier sind alle extrem paranoid"

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 22.03.2020 Florian Pütz

Beim Kandidatenturnier in Jekaterinburg will der Schach-Weltverband die Spieler vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen. Das führt zu nervösen Szenen - und großer Unsicherheit.

© Fide

Nebojsa Baralic ist ein erfahrener Schiedsrichter, aber so ein Turnier hat er auch noch nicht erlebt. In seiner 15-jährigen Karriere als internationaler Regelhüter zählt das Kandidatenturnier zu den Höhepunkten. Speziell wird es aber vor allem durch die Sicherheitsvorkehrungen, die im Hyatt Regency Hotel in Jekaterinburg getroffen werden, um zu verhindern, dass sich Spieler, Offizielle und Zuschauer mit dem Coronavirus infizieren.

"Das ist eine einzigartige Erfahrung", schreibt Baralic in seiner Antwort auf eine SPIEGEL-Anfrage - und meint das sicher nicht positiv. "Es ist ziemlich ungewöhnlich, einen leeren Spielsaal zu beobachten, der leicht ein paar hundert Zuschauer hätte aufnehmen können." Der Schach-Weltverband Fide hat die Maßnahmen gegen das Coronavirus am Donnerstag noch einmal verschärft. Nur die acht Spieler, die Schiedsrichter, ein Teil der Organisatoren und wenige Techniker dürfen noch in den Saal, Zuschauer durften von Beginn an nicht rein.

Sicherlich sei es schwierig für die Spieler, sich angesichts der Umstände voll und ganz auf Schach zu konzentrieren, sagt Baralic. Und damit könnte er Recht haben. Zweimal am Tag müssen Spieler, Schiedsrichter und andere Beteiligte in einer festgelegten Reihenfolge zur medizinischen Untersuchung. "Die Kontrolluntersuchungen sind unterschiedlich, aber im Grunde genommen beinhalten sie alle eine Messung der Körpertemperatur, eine Kontrolle des Rachens und der Atmung", sagt Baralic.

37,1 Grad sorgen für Panik

Solche Untersuchungen durchbrechen Turnierroutinen, wie Spieler und Schiedsrichter sie kennen - vor allem wenn Unvorhergesehenes passiert. Topfavorit Fabiano Caruana wurde vor der zweiten Runde untersucht, dann ging es offenbar hektisch zu. "Ich hatte bei der ersten Messung 98,7 Grad Fahrenheit (ca. 37,1 Grad Celsius, d. Red.), das löste Panik aus. Sie haben Politiker angerufen, um zu klären, wie damit umgegangen werden soll", erzählte Caruana später im Livestream des Saint Louis Chess Clubs. "Ich musste dann nochmal meine Temperatur messen lassen: Es waren wieder 98,7 Grad, was eigentlich eine normale Temperatur ist. Aber in diesem Teil Russlands zählt das offenbar als Fieber."

Es gab dann zwar Entwarnung und Caruana konnte spielen. Die Situation zeigt jedoch, auf welch unsicherem Boden das Kandidatenturnier steht. "Hier sind alle extrem paranoid", sagte Caruana: "Das sind keine tollen Spielbedingungen, aber ich denke, wir haben keine Wahl." Unklar ist, wie die Verantwortlichen handeln, wenn tatsächlich ein Spieler erkrankt. Alexander Grischuk, der erfahrenste Kandidat, hatte deswegen schon vor dem Turnier über einen möglichen Abbruch spekuliert. "Ich denke, es besteht die Möglichkeit, dass das begonnene Turnier nicht beendet wird, die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 50 Prozent", sagte er der russischen Nachrichtenagentur Tass.

Auch Peter Svidler, Sekundant des jungen Kirill Alekseenko, gab Einblick in den seltsamen Turnieralltag. "Alles ist so organisiert, dass du dein Zimmer nicht verlassen musst. Außer natürlich, wenn du rausgehen musst, um deine Partie zu spielen", sagte Svidler dem Portal "chess24". "So ein Turnier hat wahrscheinlich noch niemand erlebt."

Keine Spaziergänge, keine Kultur

Will heißen: Caruana wird in Zeiten der sozialen Isolierung wohl zunehmend auf seine Spaziergänge in den Ruhephasen verzichten, Grischuk kann seine üblichen Museums- und Theaterbesuche an Ruhetagen nicht machen. Auch wenn den Spielern nicht untersagt ist, das Hotel zu verlassen, sie gehen lieber auf Nummer sicher. "Die meisten unserer Begegnungen finden in Aufzügen statt", sagt Svidler: "Niemand verlässt wirklich sein Zimmer."

Das war aber auch bei Turnieren vor dem Coronavirus-Pandemie schon ähnlich. "In früheren Jahren gab es viel mehr Geselligkeit", sagt Schiedsrichter Baralic. Das habe sich durch die Computer-Analysen und Besprechungen mit Sekundendanten via Internet im eigenen Hotelzimmer geändert.

Die Unsicherheit, die durch das Coronavirus aufgekommen ist, tut dennoch ihr Übriges. Caruana vermutete bereits, der schlechte Turnierstart seines größten Konkurrenten Ding Liren mit zwei Niederlagen in den ersten beiden Runden sei womöglich auf die psychische Belastung durch das Virus zurückzuführen. Immerhin hatte der Chinese in seiner Heimat isoliert bei seinen Eltern gelebt und musste in Moskau zwei Wochen in Quarantäne.

Schiedsrichter Baralic sagt, er fühle sich in Russland und Jekaterinburg sicher. Im Land gibt es offiziell etwa 300 nachgewiesene Coronavirus-Fälle, keinen davon in der Stadt des Kandidatenturniers. Baralic, im krisenerprobten Serbien aufgewachsen, will sich nicht verunsichern lassen. "Mein Name - Nebojsa - bedeutet auf Serbisch 'ne boj se'", sagt er: "Habe keine Angst."

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