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Themenwoche: Chip Kelly und die Oregon Ducks - The Need for Speed

SPOX.com-Logo SPOX.com 28.06.2018 SPOX
Die Oregon Ducks haben unter Chip Kelly den College-Football revolutioniert. © getty Die Oregon Ducks haben unter Chip Kelly den College-Football revolutioniert.

Noch keine zehn Jahre ist es her, da war Chip Kellys Oregon-Offense mit das aufregendste, was College Football und Football insgesamt zu bieten hatten: Eine Warp-Speed-Attacke, die über Geschwindigkeit und Option-Football zum Erfolg kam, nicht über komplizierte Schemes. Doch in der NFL scheiterte er krachend - im Rahmen der College Football Themenwoche steht heute Kellys Offensive sowie ihr NFL-Untergang im Fokus.

In einem lockeren Moment mit der Presse wurde Chip Kelly vor einigen Jahren mal ganz ehrlich. "Ich glaube", ließ er die anwesenden Journalisten wissen, "dass ich als Kind eine ganz schöne Nervensäge war. Ich habe alles hinterfragt. Ich war immer derjenige, der 'warum?' gefragt und versucht hat, herauszufinden, warum gewisse Dinge passieren. Ich war unglaublich neugierig."

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Als er 2013 endlich den Schritt in die NFL wagte, beschrieb diese kleine Anekdote den Ruf, der ihn zu den Profis begleitete, ganz gut: Kelly galt als der Innovator, als derjenige, dem Konventionen egal waren und der die Dinge auf seine Art machte - egal ob es um die Ernährungsvorschriften, die ungewöhnlichen Trainingseinheiten, oder eben seinen taktischen Ansatz auf dem Feld ging.

Weiter noch: Er galt als derjenige, der das Spiel nachhaltig verändern und möglicherweise gar Offense-Football auch in der NFL in eine neue Ära führen sollte. Und das mit Warp-Geschwindigkeit.

Chip Kellys Offense: The Need for Speed

Chip Kellys Oregon-Teams waren auf brutale, alles in den Schatten stellende, Spiele verändernde Geschwindigkeit ausgerichtet. Sie spielten schnell, sie trainierten schnell, alles setzte die Geschwindigkeit in den Mittelpunkt.

"Sie spielen unglaublich schnell und versuchen, die Defense so müde zu machen oder Kommunikationsfehler zu erzwingen", sollte Patriots-Head-Coach Bill Belichick Kellys Offense später mal beschreiben, "und selbst wenn deine Aufstellung richtig ist - wenn man es nicht schafft, die eigenen Zuständigkeiten schnell zu kommunizieren und Räume entstehen, wird jemand frei sein. Und das ist aufgrund der Geschwindigkeit nicht einfach. Es zwingt einen dazu, defensiv simpler zu agieren."

Im Schnitt rund 83 Plays pro Spiel brachten Kellys Oregon-Offenses aufs Feld, zum Vergleich: in der vergangenen NFL-Saison kam in dieser Statistik kein Team über 68 und in den vergangenen vier Jahren knackte nur ein Team die 70 - Kellys Eagles 2014 (70,7).

In Kellys letzten drei Jahren in Oregon waren die Ducks in der Top-5 was Punkte pro Spiel, Yards pro Spiel und Yards pro Run angeht. Bei den Yards pro Run war Oregon unter Kelly nur ein Mal überhaupt außerhalb der Top-5.

Kellys Wunsch nach Geschwindigkeit stammte dabei aus der eigenen Vergangenheit als Defense-Coach in den frühen 90er Jahren: "Daran musste ich häufig zurück denken. Man wollte nie die Balance verlieren und man mochte es nicht, wenn der Gegner schnell spielte, wenn er zusätzliche Tight Ends aufs Feld schickte. Man spielte ungern gegen ein physisches Team, das auch mit vier Wide Receivern spielen konnte."

Oregons Offense mit Kelly als Coordinator und Head Coach:

JahrPunkte pro Spiel (National Rank)Yards pro Spiel (National Rank)Yards pro Run (National Rank)
200738,2 (12)467,5 (10)5,3 (8)
200841,9 (7)484,8 (7)6,2 (1)
200936,1 (8)412,0 (33)5,5 (3)
201047,0 (1)530,7 (1)5,8 (4)
201146,1 (3)522,8 (4)6,4 (1)
201249,5 (2)537,4 (5)5,9 (1)

Es war eine Offense, die auch vor großen Namen nicht Halt machte. Kellys Oregon-Teams zerlegten unter anderem die Defenses von Pete Carroll (613 Yards, 47 Punkte), Monte Kiffin (730 Yards und 62 Punkte) oder auch die von Vic Fangio (626 Yards, 52 Punkte) - der in diesem Jahr übrigens mit Kellys damaligem Offensive Coordinator Mark Helfrich in Chicago zusammenarbeiten wird; das dürfte für das eine oder andere unterhaltsame Gespräch in der Kantine sorgen.

Und in Kellys erstem Jahr in der NFL schienen sich die riesigen Erwartungen und Vorschusslorbeeren zu bestätigen. Die Eagles führten die NFL in Rushing-Yards, Yards pro Run und Yards pro Play an und waren eine der spektakulärsten Offenses der Liga. Unvergessen bis heute ist Kellys NFL-Einstand gegen die Redskins in Washington, als Philly die Hausherren in der ersten Hälfte überrannte und am Ende 49 Rushing-Versuche ansammelte.

Dabei, und das sollte Kelly letztlich zum Verhängnis werden, ist die Basis seiner Offense denkbar simpel.

Chip Kellys Offense: Inside Zone und Wiederholung

Gewissermaßen ist das der Preis für die enorme Geschwindigkeit, mit der Kelly spielen ließ: Ja, die Defense wird so stark limitiert - doch auch seine Offense hatte in ihrem Kern nicht die Play- und Formations-Vielfalt, die es in der NFL braucht.

Bei einer Coaching Clinic im Jahr 2009 beschrieb Kelly seine Offense so: "Wir hatten letzte Saison 6,2 Yards pro Carry. Wir hatten vier Run Plays: Inside Zone, Outside Zone, Counter und Draw. [...] Wenn deine Spieler das Play, das sie in einer entscheidenden Situtation umsetzen sollen, nicht tausende Male im Training einstudiert haben, haben sie keine Chance, erfolgreich zu sein."

Vor allem Inside Zone ist eine ganz zentrale Säule in Kellys Offense: "Es ist ein sehr guter Gleichmacher: man attackiert einen Defensive Lineman mit zwei Blockern, also mit einer mathematischen Idee im Hinterkopf. Das Zone Play kann gegen verschiedene Defense-Looks gespielt werden. Inside Zone ist unser Go-To-Work-Play, unser Signature-Play. Wir wollen ein physisches, Downhill-Running-Team sein. Es ist kein Finesse-Play, wir wollen Double-Teams kreieren und die Verteidiger über den Haufen rennen. Das ist physischer Football."

Kelly legte dementsprechend Wert darauf, dass seine Running Backs die Line of Scrimmage aggressiv attackieren, und weniger dahinter abwarten, um auf die perfekte Lücke zu hoffen. Das gilt als ein Grund dafür, dass er später in Philadelphia LeSean McCoy an die Bills abgab.

Dieses Rückgrat seiner Offensive wird auch statistisch deutlich. Seine Eagles-Teams hatten eine Bilanz von 24 Siegen und acht Niederlagen in Spielen, in denen ihnen über 100 Rushing-Yards gelangen sowie nur zwei Siege und 13 Niederlagen in den Spielen unter 100 Rushing-Yards. Bei Oregon war die Aufteilung noch deutlicher: 0-3 mit unter 100 Rushing-Yards, 46-4, wenn die 100-Yard-Marke geknackt wurde.

Oregon und die Vermischung verschiedener Stile

Dabei wird Kelly nicht müde zu betonen, dass er "nichts revolutionäres in der Offense" macht, "wir laufen Inside Zone, Outside Zone, Sweeps und Power. Wir haben ein 5-Step- und 3-Step-Passing-Game und wir werfen Screens. Wir machen nichts, das es nicht schon früher im Football gegeben hat."

Das ist inhaltlich völlig richtig; der Ansatz, um den Erfolg von Kellys Oregon-Teams zu verstehen, liegt eher darin, wie er verschiedene Stile vermischte. Ganz konkret: Die Mischung aus dem angesprochenen Tempo mit Option-Plays für den Quarterback sowie die Mischung aus den Spread-Formationen mit dem Inside Run Game.

Letzteres zieht die Defense in die Breite, um dann das Zentrum mit Double-Teams zu attackieren und schnell Blocker auf das Linebacker-Level zu bekommen. Ersteres zwingt die Defense zu simpleren Schemes, um dem Quarterback dann im Play mehrere Möglichkeiten zu geben, wie er die vorhersehbarere Defense attackieren kann.

Diese Mischung war wie ein frischer Wind für NFL-Offenses, die zumindest vielerorts über Jahre hinweg versucht hatten, eher an kleineren Schrauben zu drehen. Kelly schien wie derjenige, der größer denkt, nach seiner NFL-Debüt-Saison kursierte unter Coaches in der Liga der Begriff "Chip Kelly Plays".

Was aber kann man sich unter einem Chip Kelly Play vorstellen? Wie sah seine Oregon-Speed-Offense abgesehen von Inside-Zone-Run-Game schematisch aus? Die Zone Reads, die mit Robert Griffin III., Colin Kaepernick, Cam Newton und Russell Wilson auch im großen Stil auf die NFL-Bühne stürmten, sind ein guter Ansatz.

Kellys Erklärung ist gewohnt auf den Punkt: "Der Quarterback liest einen Verteidiger und effektiv blockt er ihn so. Wir können also fünf Verteidiger blocken und einen sechsten Verteidiger lesen." Es passt zu seiner grundlegenden Idee: Kellys Philosophie ist - neben der generellen Geschwindigkeit - darauf ausgerichtet, mit einigen Basic-Plays im Blocking oder bei seinen Route-Kombinationen eine Überzahl zu erzeugen.

Dabei ließ er seinen Quarterback nicht nur den Defensive End, sondern auch Tackles, Linebackers und Safeties lesen. Die Defense sollte zu jedem Zeitpunkt auf jedem Level angreifbar sein. Klingt zunächst einmal simpel, vor zehn Jahren aber war es durchaus revolutionär, sich beim Zone Read auf einen Linebacker oder Safety zu konzentrieren, statt den Defensive End zu lesen.

Letztlich wurde Kellys Offense neben Inside Zone, dem hier abgebildeten Outside Zone, Play Action und natürlich dem Zone Read durch diese Basic-Plays geprägt:

Chip Kellys Offense - der Sweep

Wer sich schon länger mit Football befasst, wird hier einige Ähnlichkeiten zu einem der legendärsten Plays der Football-Geschichte überhaupt erkennen: Vince Lombardis Sweep.

Eine große Veränderung Kellys: Der Center wird ebenfalls als Puller eingesetzt.

Kelly setzte dieses Play gerne aus einer Unbalanced Formation ein, mit beiden Tackles auf einer Seite der Formation. Derartige Anpassungen funktionieren glänzend mit seiner Obsession mit Geschwindigkeit, schließlich wird die Defense so gezwungen, sich in wenigen Sekunden an eine ungewöhnliche Formation anzupassen und die entsprechenden Anpassungen vorzunehmen.

"Wir wollen früh im Spiel einige Dinge zeigen, die wir auf Tape gesehen haben und schauen, wie die Defense reagiert", brachte Kellys Offensive Coordinator Mark Helfrich das Vorgehen auf den Punkt. "Defenses haben nicht allzu viel Zeit, um Anpassungen vorzunehmen, wenn man aufs Tempo drückt. Normalerweise bekommt der Quarterback dann auch nach dem Snap die Defense, die sich vor dem Snap andeutet."

Chip Kellys Offense - das Mesh-Wheel-Konzept

Das trifft dann ganz gezielt auch auf die Coverage zu, und hier gibt es ein Pass-Konzept, das Kelly ganz besonders schätzt: Das Mesh-Wheel Konzept. Dabei laufen zwei Receiver Underneath aufeinander zulaufende Crossing Routes und ziehen direkt aneinander vorbei.

Die Folge ist ein Pick-Play-Effekt, sprich in Man Coverage wird es dem Verteidiger erheblich erschwert, seinen Gegenspieler zu verfolgen. Die Wheel-Route des Running Backs soll gegen Man Coverage einen Linebacker oder Safety aus dem Zentrum ziehen, um den Weg für die Mesh-Routes freizuräumen.

Gegen Zone Coverage werden sich die Linebacker unweigerlich in Richtung der Line of Scrimmage bewegen, um die kurzen Routes covern zu können. Das reißt Lücken in den Raum zwischen den Linebackern und den Safeties, wo die tiefere Crossing-Route hineinstößt.

Das gilt umso mehr, da Kellys Oregon-Offenses für die Gefahr eines laufenden Quarterbacks berüchtigt waren. Folgerichtig spielten viele Teams mit einem weiteren Safety in der Box, was die Cover-Vielseitigkeit schon erheblich limitiert und dem Quarterbacks die Reads deutlich vereinfacht.

Chip Kellys Offense - das Dig-Post-Konzept

Insbesondere lange Third Downs - oder anders gesagt: Downs, bei denen die Defense wusste, dass ein Pass kommt - attackierte Kelly hiermit nur allzu gerne.

Die Dig-Post-Mischung findet hierbei auf der rechten Seite statt. Der Slot-Receiver (der zwischen dem Tight End und dem rechten Outside-Receiver postierte Wide Receiver) läuft die Post-Route, der Outside-Receiver rechts daneben die Dig.

Da beide Receiver auf einer Seite tiefe Routes laufen und sich die Laufwege erst spät im Down kreuzen, kommt es hier zu einem kritischen Punkt für die Defense: Der Safety auf der Seite beziehungsweise der einzige tiefe Safety - je nachdem, was die Defense spielt - wird sich im Idealfall auf eine der beiden Routes festlegen müssen. Das öffnet dem entsprechend anderen Receiver die Tür für ein Eins-gegen-Eins-Duell mit dem Cornerback.

Gegen zwei zurückgezogen postierte Safeties ist die tiefe Comeback-Route auf der anderen Seite gedacht. So soll ein Safety auf dieser Seite gebunden werden.

Warum scheiterte die Chip-Kelly-Offense in der NFL?

In Zeiten, in denen jeder in der NFL nach neuen Möglichkeiten sucht, um einen kleinen Vorteil zu erringen und Teams gegenüber College-Einflüssen immer offener werden - warum war Kellys Scheme unter diesen Voraussetzungen in der NFL nicht nachhaltig erfolgreich, sondern eher ein Strohfeuer?

Vereinfacht gesagt gelang es dem als Offense-Genie in die NFL gekommenen Kelly nicht, sich an die Anforderungen anzupassen.

No-Huddle funktioniert zu einem gewissen Maß auch in der NFL, kann dort aber nicht die gleiche zerstörerische Wirkung wie im College haben - die Unparteiischen lassen es nicht zu, dass mit dem gleichen Tempo gespielt wird. Rund 13 bis 18 Plays weniger pro Spiel verzeichnete Kelly bei den Eagles im Vergleich zu Oregon und auch wenn gerade zu Beginn noch ein Effekt feststellbar war - dieser verpuffte zunehmend, als Defenses lernten, seine Formationen und Plays zu lesen.

Das Duell mit den Seahawks 2014 - eine 14:24-Niederlage - trug diese Realität erstmals an die Öffentlichkeit, als unter anderem Seattles Linebacker Bobby Wagner nach dem Spiel verriet: "Wir wussten, welche Plays kommen würden. Ihre Offense ist vorhersehbar. Es gibt viele Plays, die nur in eine Richtung laufen können." Diese Ereignisse häuften sich, immer öfter sickert durch, dass Verteidiger auf dem Platz unmittelbar vor dem Snap ihren Mitspielern genau das Play ankündigten, das dann auch kam.

Die aufregendste Offense wird langweilig

Einfache Dinge - etwa die Positionierung des Tight Ends und des Running Backs - verriet Defenses, was Kelly vorhat; seine Offense war schlicht zu eindimensional, es gab zu wenig Vielfalt, zu wenige Formationen und daraus zu wenige verschiedene Plays. Ohne den Speed-Faktor wurde das gnadenlos entblößt, und seine Offense wurde noch eindimensionaler durch die Tatsache, dass die Bedrohung des laufenden Quarterbacks immer geringer wurde.

Kelly draftete Matt Barkley, verpflichtete Quarterbacks wie Mark Sanchez und Sam Bradford und setzte auf Nick Foles. Die Konsequenzen hieraus waren verheerend, Kelly hielt an seinen Plays fest, die wie Zone-Reads aussahen und weitere theoretische Option-Elemente beinhalteten. Doch da der Quarterback keine Bedrohung als Runner war, hatten Defenses keine Probleme damit, diese Plays zu verteidigen - umso weniger, nachdem sie sich an Kellys Geschwindigkeit gewöhnt hatten.

Anders gesagt: Die aufregendste Offense war langweilig und vorhersehbar geworden.

Kelly hat es nicht geschafft, neue Plays und Formationen oder simple Elemente wie Motion in sein Scheme einzubauen, um seine Kern-Plays besser zu verbergen und weiter effizient spielen zu können. In seiner letzten NFL-Saison bei den 49ers ließ er seine Quarterbacks stattdessen in absurden 98 Prozent der Snaps in der Shotgun auflaufen.

Umso spannender wird es sein, zu sehen, welche taktischen Lehren Kelly aus seinen NFL-Erfahrungen gezogen hat, wenn er jetzt bei UCLA einen Neustart im College versucht. Und ob es ihm nochmals gelingt, sich mit seinen Kern-Prinzipien zu einem offensiven Mastermind aufzuschwingen.

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