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Wie die Frankreich-Rundfahrt zur Tour de Farce wird

WELT-Logo WELT 06.04.2020 Sebastian Kayser
Spektakel am Col du Tourmalet: Ob es auch 2020 eine Etappe in den französischen Pyrenäen gibt, ist fraglich © picture alliance / Augenklick/Ro Spektakel am Col du Tourmalet: Ob es auch 2020 eine Etappe in den französischen Pyrenäen gibt, ist fraglich

Es hat etwas von kindlichem Trotz. Während alle großen und kleinen Sportevents bis mindestens Mitte Juli ob der Corona-Pandemie abgesagt worden sind, mimt ein Veranstalter den renitenten Dickschädel: die Tour de France.

Die Radrundfahrt soll am 27. Juni in Nizza starten und dann über 3470 Kilometer drei Wochen lang durch Frankreich rollen. An diesem Plan halten die Organisatoren fest, obwohl das zeitgleich stattfindende Tennisturnier in Wimbledon inzwischen ersatzlos gestrichen wurde und auch die Fußball-EM und Olympia auf 2021 verschoben sind. Die Tour aber – sie will fahren.

Das sture Verharren der Macher gerade in einem Land, das derzeit stark betroffen ist vom Stillstand und noch bis zum 15. April eine Ausgangssperre verhängt hat, verwundert zunächst ein wenig. Aber es hat vor allem monetäre Gründe. „Ohne die Tour de France würde der Radsport ein ganz großes Problem haben“, sagt Ralph Denk, der Teamchef des besten deutschen Rennstalls Bora-hansgrohe. „Bei 300 bis 500 Millionen Euro liegt der Werbewert der World Tour in einer Saison. Allein 70 Prozent davon werden bei der Tour de France generiert.“

Der Werbewert, das ist vor allem die Sichtbarkeit der Teamlogos. Natürlich hat trotz dieser Zahlen noch kein Unternehmen ein Produkt mehr verkauft, „das ist dann Sache der Experten, die diese Zahlen in bare Münze umsetzen müssen“, sagt Denk. Und das tun sie auch, sonst würden nicht 22 Mannschaften mit Etats von bis zu 60 Millionen Euro um die Welt radeln. Ohne das prestigeträchtigste Radrennen der Welt wäre dies kaum möglich.

Abhängigkeit von Sponsoren

Schon der aktuelle verordnete Stillstand kostet viele Mannschaften Millionen. Einige Rennställe, wie der von Bora-hansgrohe, können das noch verkraften, andere tun sich bereits jetzt schwer. Lotto-Soudal zum Beispiel, wo die Deutschen John Degenkolb und Roger Kluge fahren. Die Belgier setzten jüngst 25 Mitarbeiter vom Busfahrer bis zum Mechaniker vor die Tür. Nicht etwa auf Kurzarbeit, sondern tatsächlich auf die Straße. Sie besitzen zwar die Aussicht auf Wiedereinstellung, sobald das Peloton erneut rollt – aber wann das sein wird, weiß niemand.

Der belgische Radrennfahrer Greg van Avermaet stellt klar, wie wichtig die Tour de France für die Radsport-Saison ist. Quelle: Omnisport © Omnisport Der belgische Radrennfahrer Greg van Avermaet stellt klar, wie wichtig die Tour de France für die Radsport-Saison ist. Quelle: Omnisport

Auch an Bora-hansgrohe, das den dreimaligen Weltmeister Peter Sagan sowie die deutschen Topfahrer Emanuel Buchmann, Pascal Ackermann und Maximilian Schachmann beschäftigt, gingen die vergangenen Wochen nicht spurlos vorbei. „Wir sind von den Sponsoren abhängig“, sagt Denk, „aber die stehen hinter uns. Ich sehe keinen Anlass, jemanden zu feuern, das würde auch nur Unruhe reinbringen. Doch uns fehlen die Antrittsgelder bei den Rennen, bislang rund 500.000 Euro. Die kompensieren wir aus Rücklagen.“ In einer Phase wie dieser zahle sich gutes Wirtschaften aus. „Wir sind budgetär nie auf Bodenplatte gefahren.“

Ralph Denk Quelle: picture alliance/dpa © picture alliance/dpa Ralph Denk Quelle: picture alliance/dpa

Dennoch hätte Denk die halbe Million gern im Etat, der mittlerweile bei über 20 Millionen Euro liegt. „Das Fehlen des Geldes ist nicht schön, aber auch nicht lebensbedrohlich“, erklärt er. Einzige einschneidende Maßnahme bislang: „Wir haben in der Geschäftsstelle auf Kurzarbeit umgestellt. Uns erreichte die Krise erst vor drei Wochen. Bis dahin fuhren wir ja noch Rennen. Wir haben 95 Prozent des Etats über Sponsoren abgedeckt. Solange die zu uns stehen, kann ich überleben“, so der Teamchef. „Unsere Sponsoren sind aus Branchen, die nicht ganz so hart betroffen sind.“

Daher sei innerhalb des Rennstalls mit den Topangestellten auch noch nicht über einen etwaigen Gehaltsverzicht diskutiert worden, wie es in anderen Sportbranchen dieser Tage angesagt ist. „Da warten wir mal ab. Die Defizite sind noch nicht so hoch“, sagt Denk. „Steigt die Tour, bleibt es so, ohne Tour gibt es eine neue Bewertung.“

Längst schon macht sich einer wie Denk Gedanken über den Radszene hinaus. „Die größte Herausforderung sehe ich im gesamten Sportsponsoring für die Anschlussverträge. Die werden neu verhandelt, und da werden die Töpfe deutlich kleiner sein“, sagt der 46-Jährige. „Das ist eine Auswirkung des Coronavirus für die kommenden Jahre.“

Aktuell ist die Branche schon von etlichen Absagen betroffen. Die Tour de Suisse wird in diesem Jahr ebenso nicht stattfinden wie das Tagesrennen „Rund um Köln“ und das Critérium du Dauphiné. Trotzdem gibt es nach wie vor viele Protagonisten der Szene, die einen Start der Tour de France goutieren würden.

Zu ihnen zählt auch Denk. „Ich hoffe, dass wir die Tour fahren, das wäre sehr wichtig. Egal wann und egal wie“, erklärt er. „Eine Tour ohne Zuschauer wäre besser als gar keine.“ Aber wie will man auf jeder Etappe 150 bis 230 Kilometer absperren, die Leute aus den Orten fernhalten?

„Man muss eben das Strafmaß nach oben setzen. Bei 20.000 Euro Strafe setze ich auf den Abschreckungseffekt“, sagt Denk. „Ich setze darauf, dass die das durchziehen. Das wäre eine Riesenchance für den Sport, dass zumindest ein Großereignis stattfindet.“

Bei Paris-Nizza, das bislang letzte Rennen, das ausgetragen wurde und das Schachmann gewann, gab es einen Vorgeschmack auf den Geister-Radsport. „Start und Zielbereich abtrennen, das funktionierte da sehr gut. Ich bin natürlich Realist und weiß: Das wird nicht die gleiche geile Veranstaltung wie sonst.“

Entscheidung Mitte Mai?

Die Politik hat Denk schon mal auf seiner Seite. Roxana Maracineanu, Frankreichs Sportministerin, sprach von der großen Bedeutung einer Austragung des Rennens. Tour-Direktor Christian Prudhomme verwies darauf, dass nur die beiden Weltkriege die Tour zu einer Absage gebracht hätten. „Stand heute könnte man auch hinter verschlossenen Türen nicht fahren“, erklärt Denk. „Aber man kann die Leute auch nicht auf ewig einsperren. Die Depression ist auch eine Krankheit.“

Bis 15. Mai will der Veranstalter, die Amaury Sport Organisation (ASO), entscheiden, ob und gegebenenfalls wie die Tour stattfinden soll. Dem Familienunternehmen, das unter anderem auch die Vuelta und Paris-Roubaix veranstaltet, würde eine Umsatzeinbuße von schätzungsweise bis zu 200 Millionen Euro entstehen. Aus Sicht der ASO ein verdammt guter Grund, das Rennen auf Gedeih und Verderb durchzuziehen.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

Quelle: WELT AM SONNTAG © WELT AM SONNTAG Quelle: WELT AM SONNTAG

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