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Phoebe Bridgers: Immer nur so tun als ob

Swyrl.tv-Logo Swyrl.tv 17.06.2020 Max Trompeter
Der Blick in die Ferne als Blick nach innen: Phoebe Bridgers zweites Album heißt "Punisher". © Dead Oceans Der Blick in die Ferne als Blick nach innen: Phoebe Bridgers zweites Album heißt "Punisher".

Songschreiber und -schreiberinnen wollen mit ihren Liedern ein bestimmtes Bild von sich vermitteln. Phoebe Bridgers wählt die indirekte Variante: Sie gibt vor, kaschiert und duckt sich weg. Und zeigt damit dennoch, wer sie ist.

Ein Lied über Heimweh und eine überraschende Sehnsucht nach dem entfremdeten Vater, live aus der heimischen Badewanne mit Sampler und Spielzeugmikrofon: Phoebe Bridgers ist manchmal unbegreiflich. Zum einen glänzt die 25-jährige Popsängerin seit Tag eins ihrer Karriere mit solchen sanften, rührenden Songs wie hier "Kyoto", eingespielt für Jimmy Kimmels Corona-Ersatzshow. Zum anderen bricht sie abseits von Text und Musik regelmäßig mit dem naheliegenden Bild von der zerbrechlichen, empfindlichen Emotante. Weitere Beispiele dafür liefert sie tagtäglich auf Instagram unter dem Profilnamen "Fake Nudes". "Kyoto" ist Teil ihres zweiten Soloalbums "Punisher" - ein harter Titel für ein wunderbar weiches Album voller Finten und Irreführungen.

Hierzulande verbindet man "Punisher" vielleicht mit einer Marvel-Comicfigur, einst gespielt von Dolph Lundgren, später bei Netflix von Jon Bernthal. Ein Ex-Marine, der folternd und mordend für vermeintliche Gerechtigkeit sorgt - ein "Bestrafer" eben. So wörtlich übersetzt ist der Titel bei Miss Bridgers nicht zu verstehen. Punk- und Hardcoregruppen bezeichnen Fans als Punisher, die Bandmitglieder nach einem Gig aufsuchen, bedrängen und einfach keine Ruhe geben. Auch wenn die Singer/Songwriterin schon Ähnliches erfahren haben dürfte, ist der Punisher in diesem Stück sie selbst. Ihr Opfer: Elliot Smith. Sie stellt dem 2003 verstorbenen, zu Lebzeiten oft depressiven Indie-Folk-Sänger nach: "What if I told you I feel like I know you / But we never met". Stark verhallt und verrauscht haucht sie dem toten Idol Verständnis und Sehnsucht zu.

Phoebe Bridgers, 25, aus Kalifornien, gewährt auf ihrem zweiten Album tiefe Einblicke in ihr Seelenleben - indem sie von sich ablenkt und sich stets woanders hinsehnt. © Olof Grind Phoebe Bridgers, 25, aus Kalifornien, gewährt auf ihrem zweiten Album tiefe Einblicke in ihr Seelenleben - indem sie von sich ablenkt und sich stets woanders hinsehnt.

Ein Pretender, kein Punisher

Nein, in eine weitere Liaison mit einem bekannten Musiker träumt sie sich hier nicht hinein. Phoebe Bridgers verarbeitete ihre Beziehung zum einstigen Mentor Ryan Adams bereits auf ihrem Debütalbum "Stranger In The Alps" (2017) und maximal aufsehenerregend mit einem Artikel in der "New York Times". Weitere vermeintliche Opfer des jüngst gefallenen Stars meldeten sich, beinahe identische Geschichten von "Karriere gegen Sex"-Angeboten und emotionalem Missbrauch machten die Runde. Das neue Liedgut ist neben einer offensichtlichen Ehrerbringung gegenüber Smith vielmehr nur ein weiteres So-tun-als-ob, eine der vielen Tagträumereien des jungen amerikanischen Kritikerlieblings.

Dieses Vorgehen hilft auch, um eigene Unzulänglichkeiten und Unsicherheiten zu kaschieren und um Probleme zu vergessen: "Baby it's Halloween / And we can be anything", erklärt sie in "Halloween" im Kontext einer zu Ende gehenden Beziehung. "Be whatever you want", gibt ihr neuer Kreativ-Partner Conor Oberst am Ende des Songs seinen Segen zum Verleugnen und Vorheucheln. 2019 veröffentlichten die beiden gemeinsam ein Album als Better Oblivion Community Center, ein Manifest des Wegwischens von unschönen Umständen. "I've been running around in circles, pretending to be myself / Why would somebody do this on purpose, when they could do something else": Dass mit dem ewigen Versteckspiel nichts gewonnen ist, erkennt sie in "Chinese Satellite" - und macht trotzdem munter damit weiter.

Phoebe Bridgers punktet dabei auch mit ihrer süßlichen Stimme. Immer etwas entschuldigend klingt diese, und wenn verletzt, dann meist auch vergebend. Gitarren sowie wenige Streicher und Soundspielereien wirken zwar besänftigend, bei genauerem Hinhören liegt in der leisen Begleitung jedoch vieles verborgen, das zu erkunden sich lohnt. Nur selten verlässt Bridgers diese Grundstimmung; deutliche Klagen wie "I hate your mom / I hate it when she opens her mouth" ("ICU") brechen nur selten aus ihr heraus. Bis sie sich im Abschlussstück mit dem Titel "I Know The End" epochal zum Gehen entscheidet. Der Chor aus Conor Oberst, Julien Baker und Lucy Dacus (mit denen sie die Klassenbesten-Supergroup Boygenius bildet), Blake Mills (Dawes) und Nick Zinner (Yeah Yeah Yeahs) singt: "The end is near". Pauken und Trompeten, das ewige Vorgeben hat ein Ende. Sie geht wirklich. Schließlich röchelt Phoebe Bridgers nur noch - Schluss.

Phoebe Bridgers - Kyoto

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Copyright: Phoebe Bridgers

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