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"The Plot Against America": Philip-Roth-Serienverfilmung auf Sky

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 21.03.2020 Wolfgang Höbel

Die Serie "The Plot Against America" schildert ein fiktives Szenario - und kommentiert damit die Gegenwart: In den USA der Vierzigerjahre kommt ein Nazi-freundlicher Präsident an die Macht.

© HBO/ Sky

Jede Kindheit habe ihre eigenen Schrecken, ließ der amerikanische Schriftsteller Philip Roth im Jahr 2004 einen Romanhelden namens Philip berichten, "doch ich frage mich, ob ich als Kind nicht weniger Angst gehabt hätte, wenn Lindbergh nicht Präsident gewesen oder ich nicht das Kind von Juden gewesen wäre".

Das Buch "The Plot Against America" (in der deutschen Übersetzung "Verschwörung gegen Amerika") spielt Anfang der Vierzigerjahre in den USA - allerdings in einer erfundenen Welt, im Parelleluniversum einer so genannten alternativen Geschichtsschreibung. Die Kindheit der ungefähr zehnjährigen Romanfigur Philip scheint in vielen Details nahezu der New-Jersey-Kindheit des Autors Roth zu gleichen. Aber durch die Veränderung einiger weniger Rahmenbedingungen ist sie zu einer Gruselvision umgemodelt.

So wird im Buch der Flugpionier Charles Lindbergh mit weitgehend Hitler-freundlichen, antisemitischen Parolen zum Präsident der USA gewählt und weigert sich, amerikanische Truppen in den Krieg in Europa zu schicken.

In der von HBO produzierten und in Deutschland auf Sky ausgestrahlten sechsteiligen Serie "The Plot Against America" ist aus dem hochgelobten Roman von Philip Roth ein prachtvoll ausgestattetes Historiendrama geworden. In der Vorstadt von Newark im US-Bundesstaat New Jersey kurven Autos aus den Vierzigern vor Häusern, aus deren Fenstern das Licht altmodisch gelblich und besonders heimelig scheint.

Historische Dokumentaraufnahmen mit fiktiven Szenen kombiniert

In der Familie des kleinen Philip (Azhy Robertson) verfolgt man die bedrohlichen politischen Entwicklungen meist vor dem Radio im Wohnzimmer, wo Familienvater Herman (Morgan Spector) mit seinen angstvoll dreinblickenden Söhnen kauert. In einer Szene am Ende der ersten Folge von "The Plot Against America" sieht man eine beklemmende Montage, in der historische Dokumentaraufnahmen von prügelnden SS-Leuten in Nazideutschland mit fiktiven Szenen eines nächtlichen Überfalls von Schlägertypen auf zwei jüdische Familienväter in der amerikanischen Ostküstenidylle von Newark kombiniert sind. 

"The Plot Against America" erzählt aus der Mikroperspektive der jüdischen Mittelstandsfamilie Levin vom Triumph eines hemmungslosen Machtmenschen. Der Schauspieler Ben Cole spielt Charles Lindbergh mit energisch gerecktem Kinn und kaltem Blick, als Verführer, der es schafft, mit seinem Gerede von Stolz und Patriotismus die Massen zu begeistern. Lindbergh denunziert Minderheiten und sorgt mit seinen Unterstützern für ein Gesellschaftsklima, in dem der Bürgerkrieg oft nicht weit scheint.

Grimmige Hinweise auf das, was schief läuft in Amerika

Natürlich lässt sich die Serie als Kommentar auf die Zustände in den USA der Gegenwart begreifen. Zu ihren Schöpfern gehört das Produzentenduo David Simon und Ed Burns, die unter anderem mit "The Wire" berühmt wurden. Auf den ersten Blick scheint die wilde Ruppigkeit der Drogenkriminellenwelt von "The Wire" weit entfernt zu sein von dem fast elegisch ausgemalten Schrecken in "The Plot against America", und doch zeichnet sich Simons Arbeit auch diesmal nicht bloß durch präzise gezeichnete Figuren aus, sondern auch durch viele grimmige Hinweise auf das, was schief läuft in Amerika.

John Torturro spielt einen eitlen, eleganten Rabbi namens Lionel Bergelsdorf, der sich in kühner Verblendung den Fakten verweigert und seine Getreuen einzuschwören versucht auf den politischen Seiteneinsteiger Lindbergh. Rabbi Bergelsdorf weigert sich zu glauben, dass Lindbergh ernst meint, was er über die angebliche Unzuverlässigkeit und Unruhestifterei der Juden sagt – und muss viel zu spät einsehen, dass er sich schrecklich geirrt hat.

Als besonders glühende Anhängerin des Rabbi betätigt sich ausgerechnet Herman Levins Schwägerin Evelyn (Winona Ryder), was für schwere familiäre Zerwürfnisse sorgt. So schildern Simon, Burns und ihre Mitstreiter mit feinem psychologischem Handwerk eine dystopische Welt im Kleinen.

Die USA haben in dieser Serie (und in Philip Roths Buch) letztlich ein wenig mehr Glück als in der Serie "The Man in The High Castle", die im Genre der alternativen Geschichtsschreibung Maßstäbe gesetzt hat. In "The Man in the High Castle" (gestartet 2015) wird ausgemalt, wie die USA der Sechzigerjahre ausgesehen hätten, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen und halb Amerika besetzt hätten.

In "The Plot Against America" nistet sich der Faschismus in den Vierzigerjahren nur vorübergehend in den Herzen der Amerikaner ein. Ein großer Horror ist es in beiden Fällen. 

Wöchentlich gibt es eine neue Folge in der Originalfassung auf Sky Ticket, insgesamt sechs Episoden. Die deutsche Fassung ist ab 13. Mai verfügbar.

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