Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Dieser ESC hat Madonnas Karriere ruiniert

WELT-Logo WELT 19.05.2019 Holger Kreitling

Beim Eurovision Song Contest siegt wenig überraschend der Niederländer Duncan Lawrence. Das deutsche Duo S!sters fiel beim Publikum durch. Sensationell schlecht ist das Auftreten eines Ex-Superstars. Man darf es ein Desaster nennen.

Die Stimme halb gebremst, die Töne schief und falsch: Auftritt von Madonna Quelle: REUTERS © REUTERS Die Stimme halb gebremst, die Töne schief und falsch: Auftritt von Madonna Quelle: REUTERS

Anmerkung der Redaktion: Bei den in diesem Artikel dargestellten Meinungen handelt es sich um die Ansichten des Autors, wie sie von unserem Partner publiziert wurden. Sie widerspiegeln nicht die Meinung von Microsoft News oder Microsoft.

Alles wie immer, kirre Show, unsagbar seltsame Musikdarbietungen, der Favorit gewinnt, Deutschland ganz hinten, oder? Nicht ganz. Der ESC 2019 wird wirklich in Erinnerung bleiben. Und nicht wegen Platz 24 von 26 für die deutschen Sisters. Wenn es etwas Bemerkenswertes, ja Weltbewegendes beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv gab, dann dass sich Madonna blamiert hat. Ja, Madonna, unerschütterliche Queen of Pop, jahrzehntelange Perfektionistin und Wonder Woman des Showbusiness. Man darf das Desaster nennen.

Madonna war mit Riesen-Aplomb und mehr als 120 Begleitern nach Israel gereist, um als Pausen-Act vor geschätzten 200 Millionen Zuschauern in der ganzen Welt aufzutreten. Und um PR in eigener Sache zu betreiben, ein neues Album wird erscheinen. Sie begann mit einer Version des 30 Jahre alten „Like A Prayer“ im gregorianischen Stil mit Mönchsgesang. Aber ihr Gesang!

Madonna war unverkennbar live zu hören. Die Stimme halb gebremst, die Töne schief und falsch, immer ein bisschen daneben und ziemlich unpassend. Es klang wie beim Karaokeabend des Kegelvereins, nachdem erschöpfend viele Kleine Feiglinge verzehrt wurden. Leik A Präjer. Klingt komisch. Macht nix, hört eh keiner.

Das interessiert andere MSN-Leser.

Attacke auf Arnold Schwarzenegger: "Kein Grund zur Sorge"

Gute Nachrichten: Baby-News bei Jonathan Tucker

Nach Final-Absage: Sender wehrt sich gegen Vorwürfe von GNTM-Vanessa

Da Madonna nicht mehr superpräsent ist, stellen sich Fragen: Hat sie das Singen verlernt? Klang sie live schon mal so? Immer? Konnte sie vielleicht gar nie richtig singen? Nein, das kann nicht sein. Stimmermüdungsbruch? Gesangsjetlag?

Und Madonna stand da wie angewurzelt in ihrem albernen Kostüm, das halb nach Marvel-Film und halb nach Walküre in einer Provinzoper aussah. Sie tanzte nicht, nur ab und an ein kraftloser Schritt, als fiele ihr jede Bewegung schwer. Kurz: Eine 60-Jährige wirkte, als sei sie über 70 und nicht das zeitlose Wesen mit Augenklappe, das sie vorgibt zu sein. Am Ende stand Madonna an einer Treppe und kippte steif nach hinten weg in den Abgrund. Aus. Verschwunden. Der ESC hat ja schon manche Karriere ruiniert, gerade Deutschland kann ein paar Lieder davon singen, aber noch nie die eines Ex-Superstars. Prayers For Madonna.

Ein bisschen „Merci, Chérie“ von Udo Jürgens

Für Musikfreunde war dieses Titanic-Ereignis derartig schockierend, dass der eigentliche Eventanlass etwas in den Hintergrund gedrängt wurde. Der Niederländer Duncan Lawrence siegte nach vier Show-Stunden mit dem Lied „Arcade“. Das kam wenig überraschend, seit Wochen war der 24-Jährige als Gewinner gehandelt worden. Ähnlich wie 2010 Deutschland, 2013 Dänemark oder 2015 Schweden hatte Lawrence alle auf seiner Seite, Buchmacher, Google-Nutzer, Jurys, Zuschauer, eine ausgemachte Sache.

Durch die komplizierte Auswertung – Jurys und Zuschauervotings wurden getrennt verkündet - wirkte es dennoch spannend bis zur letzten Sekunde, als ein Zweikampf Niederlande und Schweden simuliert wurde. Aber John Lundvik mit seinem schmissigen Popsong bekam nur 93 Publikums-Punkte, Lawrence 261. So lag der Niederländer mit 492 Punkten vor Italien (465) und Russland (369).

Ohne Schnickschnack: ESC-Sieger Duncan Laurence am Klavier Quelle: AP/Sebastian Scheiner © AP/Sebastian Scheiner Ohne Schnickschnack: ESC-Sieger Duncan Laurence am Klavier Quelle: AP/Sebastian Scheiner

Der Sänger saß die drei Minuten komplett am Klavier, er begann still, was – Ältere als Madonna erinnern sich selig - ein bisschen wie bei „Merci, Chérie“ von Udo Jürgens 1966 wirkte. Der Song Contest ist fast immer Anverwandlung, qualitative Zweitverwertung, kluge Travestie: Duncan Lawrence hatte sich beim portugiesischen Sieger 2017 abgeschaut, dass Konzentration aufs Wesentliche ausreicht, um sich vom überbordenden Unfug der Konkurrenz abzusetzen. Während die anderen an Stangen durch die Luft sausten (Australien), sich per Videoeinspielung in den Regen stellten (Russland) und mit affigen Robotern und Lasern prunkten (Aserbaidschan), sang Lawrence einfach seine Power-Ballade mit der nötigen Menge Pathos. Gutes Lied für den ESC. Reichte.

Interessant ist wieder einmal, wie sehr sich der Geschmack der Jurys von dem des Publikums unterscheidet. Die Zuschauer votierten nämlich mit Abstand für das norwegische Trio mit dem Samen (der skandinavischen Minderheit vom Polarkreis), der seinen Part mehr hustete als sang. Nennt sich Joik-Stil, ein gutturales Jodeln, das früher von Schamanen bis zum rituellen Exzess betrieben wurde. Madonna wird doch nicht vorher …? Oder wollte sie bei „Like a Prayer“ joiken statt singen? Es werden sicherlich eines Tages Doktorarbeiten über diesen Vorfall geschrieben.

Farblich ist Europa streng geteilt

In diesem Jahr wird wieder überall über Camp geredet, den überpointierten Tineff, für Camp-Liebhaber war das norwegische Stück herrlich. Zumal die drei ganz im Stil des Jahrgangs gekleidet waren, also stark an „Game of Thrones“ orientiert. Etliche Kostüme des Abends wirkten wie abgelegte Entwürfe für ungewaschene Herrscher, die ratzfatz von Drachen weggeblasen werden. Es ist deshalb ganz gut, dass auch diese Mode nun ein Ende hat.

Farblich ist Europa streng geteilt: Entweder man trägt Schwarz (14 Teilnehmer) oder Weiß (neun Teilnehmer), nur drei setzten auf Buntwäsche. Auf Feuersäulen vertrauen nur noch wenige Länder in Osteuropa. Ein bedauerliches Fehlen ist noch anzuzeigen. Die Windmaschine scheint total out, soweit wir das gesehen haben, ließ sich keine einzige Diva mehr ins Gesicht blasen. (Es ist aber beim ESC nie etwas für immer verschwunden.)

Und Deutschland

Das Lied „Sister“ des Duos S!sters ist, darf man sagen, kein gutes Lied. Es schleppt sich über die drei Minuten wie ein Faultier auf dem Weg zum Abendessen. Die Schreie der Sängerinnen wirken eher hysterisch als stark. Seit sie im Februar den Vorentscheid gewonnen haben, waren sie abgetaucht.

Die Geschichte ist seltsam: Der NDR kaufte das Lied, weil es wohl als zugträchtig erschien, dann wurden die 19-jährige Carlotta Truman und die 26 Jahre alte Laurita Spinelli als Vortragende gecastet. Von 41 Ländern vergaben nur sechs Jurys Punkte an Deutschland – wir bedanken uns bei Australien, Litauen, Schweiz, Dänemark, Irland, Weißrussland für insgesamt 32 Punkte. Bei den Zuschauervotings bekamen alle teilnehmenden Länder Punkte zugewiesen. Bis auf S!sters. Null Publikumspunkte für Deutschland. Ein Lied, das beim Publikum in ganz Europa komplett durchfällt, muss schon ausnehmend misslungen sein.

Deutschlands bemerkenswerte Serie

Dazu kommt die deutsche Schwäche der Inszenierung. Die schwarzgekleideten Frauen standen einzeln im Dunkeln, sie bewegten sich langsam aufeinander zu, trafen sich erst im dritten Drittel des Lieds. Immerhin: sie sangen richtig. Die Show war weder originell noch fokussiert, es blieb nichts in Erinnerung. ARD-Moderator Peter Urban, der sich sehr selten verhaspelt, nannte Laurita Spinelli gar „Lauretta“ und korrigierte sich dann. Wenn der sich schon den Namen nicht merken kann – oder war es eine diabolische Form der Distanzierung?

Bemerkenswert: Die S!sters landeten nicht auf dem letzten Platz Quelle: AP/Sebastian Scheiner © AP/Sebastian Scheiner Bemerkenswert: Die S!sters landeten nicht auf dem letzten Platz Quelle: AP/Sebastian Scheiner

Im vergangenen Jahr, als Michael Schulte umjubelt auf Platz vier landete, war sowohl der Song besser als auch der Vortrag und das Konzept schlüssig. Eine große Erleichterung machte sich breit, auch beim federführenden NDR. Gut möglich, dass Schultes Leistung ein Ausreißer war und kein Neuanfang. 2015: Letzter. 2016. Letzter. 2017: Vorletzter. 2019: Drittletzter. Da erübrigt sich eine Kurvendiskussion. Sicher ist: Mit jedem schlechten Abschneiden wird es schwerer, einigermaßen charismatische Sängerinnen und Sänger zu finden, die sich diesem Säurebad nähern wollen.

Verlieren sei keine Schande, hat eine der S!sters vor ein paar Tagen gesagt, offenbar als Vorwärtsverteidigung. Darin steckt auch ein bisschen Trost. Es kam nicht wie absehbar. Die zwei jungen Frauen können auf ewig stolz vom 18. Mai 2019 erzählen. Es war der Abend, an dem Deutschland besser gesungen hat als Madonna.

NÄCHSTES
NÄCHSTES

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon