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Iggy Pop: Krach und Poesie aus dem Jahr 1977

Swyrl.tv-Logo Swyrl.tv 05.06.2020 Constantin Aravanlis
Eine echte Fundgrube für Iggy-Pop-Fans: Die Box "The Bowie Years" enthält neben sieben CDs viel spannendes Info- und Bild-Material. © Universal Music Eine echte Fundgrube für Iggy-Pop-Fans: Die Box "The Bowie Years" enthält neben sieben CDs viel spannendes Info- und Bild-Material.

Iggy Pop gilt heute als Godfather Of Cool, doch ohne David Bowie wäre seine Solokarriere wohl nie in Fahrt gekommen. Die unterhaltsame und informative neue Box "The Bowie Years" blickt zurück auf eine spannende Phase in Iggys Karriere - und auf Songs, für die er bis heute verehrt wird.

Im nunmehr gesetzten Alter von 73 Jahren ist Iggy Pop immer noch voller Tatendrang. 2019 veröffentlichte er ein neues Album ("Free"), auf dem er buchstäblich macht, wozu er Lust hat; zusätzlich verdingte er sich zuletzt regelmäßig als Radio-DJ auf BBC 6 und veredelte mit seinem sonoren Bariton Technobeats (Underworld) sowie Gute-Nacht-Geschichten für das New Museum in Manhattan. Iggy Pop ist der Godfather of Cool, der weise Botschafter des Rock'n'Roll, der stolz seinen vernarbten Oberkörper zeigt. Der Mann hat viel erlebt und noch mehr geschaffen, und er wird von unterschiedlichsten Künstlern aus mehreren Generationen verehrt.

Warum das so ist, davon erzählt die neue Box "The Bowie Years". Sie beleuchtet jene entscheidende Phase in Iggy Pops Leben, die den Grundstein für seine bunte Solokarriere legte. Mit seinem Kumpel und damaligen Produzenten David Bowie schuf James Newell Osterberg, so sein bürgerlicher Name, in den 70-ern aus den Trümmern seiner Garagen-Band The Stooges eine neue Inkarnation seiner selbst. Frei nach Dostojewski war Iggy Pop "The Idiot" und hatte "Lust For Life". "The Bowie Years" dokumentiert auf sieben Silberlingen die Entstehung der beiden Kult-Alben, die 1977 mit einem Abstand von nur einem halben Jahr veröffentlicht wurden.

Iggy Pop erfand sich nach dem Ende der Stooges neu und wurde zur Legende. Die Box "The Bowie Years" erzählt von jener spannenden Zeit Mitte der 70-er. © Barry Plummer Iggy Pop erfand sich nach dem Ende der Stooges neu und wurde zur Legende. Die Box "The Bowie Years" erzählt von jener spannenden Zeit Mitte der 70-er.

Der Song, der das Geld brachte

"The Idiot" wurde von düsteren elektronischen Klangschwaden durchzogen, die sich zu kalt vibrierenden Gitarren gesellten. Grüblerisch, aber auch neugierig wanderten Iggy Pop und David Bowie musikalisch umher und formten in diversen Studios (Frankreich, München und schließlich Berlin) den Soundtrack zu diesem ebenso besonderen wie seltsamen Abschnitt ihres Lebens im geteilten Berlin der 70er-Jahre, mitten im Kalten Krieg zwischen Ost und West. Nach einer kurzen Tour folgte Iggy Pops zweite Soloplatte "Lust For Life", deren energetisches Momentum von Punk-Gitarren und prototypischem Garagen-Rock angetrieben wurde. Zur Zeit ihrer Veröffentlichung waren die beiden Longplayer alles andere als Megaseller. Die Charterfolge waren sehr überschaubar, zudem starb im August 1977 Elvis Presley, weshalb die Promotion der Alben bei Iggy Pops Label RCA in den Hintergrund rückte - schließlich mussten plötzlich Millionen trauernde Fans mit Platten und Devotionalien des Kings versorgt werden.

So oder so, die Anerkennung von Bowies und Pops Arbeit durch kredible Kollegen ließ nicht lange auf sich warten: Joy Division hofierten den Sound von "Lust For Life", Grace Jones coverte erfolgreich "Nightclubbing", und "The Passenger" wurde immer wieder von Größen wie Nick Cave oder R.E.M. neu interpretiert. Der überfällige kommerzielle Erfolg kam indes erst Mitte der 90er-Jahre, als die Heroin-Ode "Transpotting" in den Kinos durch die Decke ging und auch dem letzten Pop-Ignoranten beim Hören der Signature-Songs aus den beiden Alben klar wurde, wie verdammt cool und wegweisend Iggys Auslegung des Rock'n'Roll tatsächlich war und ist.

Da hatte Herr Osterberg seine Schäfchen allerdings über ein Hintertürchen bereits ins Trockene gebracht. Sein Zutun als Co-Autor bei "China Girl" (enthalten auf "The Idiot" und in einer neuen Version auf Bowies 1983er-Album "Let's Dance") war für Mr. Pop wie ein Sechser im Lotto: Noch heute läuft die vergleichsweise massenkompatible Variante von David Bowie im Radio rauf und runter. Der Erfolg eröffnete Iggy Pop eine andauernde persönliche und kreative Freiheit: Rampensau Iggy musste nach "China Girl" nicht mehr jedem Dollar hinterherjagen, um über die Runden zu kommen, und konnte sich entspannt auf seine Kunst konzentrieren.

Jenseits von "China Girl"

Auf "The Bowie Years" ist Iggys Gold-Song gleich in mehreren Versionen enthalten: Neben diversen Live-Mitschnitten hört man auch einen gekürzten Single-Mix mit mehr spielerischem Drive und komprimierter Band-Energie. Der Alternativ-Mix hingegen klingt trockener als die LP-Version und ist mit weniger Effekthascherei im Sound versehen.

Aber nicht nur wegen "China Girl" ist die Box eine wahre Fundgrube. Zwar sind beide Studio-Alben nun parallel auch als neu abgemischte Deluxe-Doppel-CDs erhältlich, doch was wahre Fan-Dope findet sich in der Box auf CD 4 (Raritäten und Demos) und CD 6 (ein Live-Mitschnitt aus dem Agora Ballroom in Cleveland). Die Cleveland-Show fand zum Release vom "The Idiot" statt und protzt mit jeder Menge On-Stage-Energie. Drei der Songs kennt man schon vom Live-Dokument "TV Eye", das in der Box ebenfalls als Remaster zu finden ist. Der Sound ist partiell leicht verwaschen, aber durchweg gut; die Energie einiger Stooges-Klassiker, des brandneuen Idiot-Materials und einer frühen Version von "Turn Blue" aus "Lust For Life" machen aus dem Cleveland-Gig ein sehr reizvolles und unterhaltsames Rock-Dokument.

Fakten, Fakten, Fakten

Weitere Live-Eindrücke wurden mit den Konzerten im Londoner Rainbow Theatre (CD 5) und den Mantra-Studio-Sessions (CD 7) in Chicago festgehalten. Obwohl Songauswahl und Zeitpunkt (die Konzerte stammen alle vom März 1977) sehr nahe beieinander liegen, klingen London und Chicago bestenfalls durchschnittlich und haben daher leider nur archivarischen Wert. Immerhin, die unterschiedlichen Stimmungen dieser Abende kann man durchaus erfassen, von echtem Hörgenuss kann im Gegensatz zu den anderen Tonträgern der Box aber keine Rede sein.

Die "Alt Mixes" und Demos von unter anderem "Sister Midnight", "Dum Dum Boys", "Lust For Life" und "Baby" machen eine Menge Spaß; im als Bonustrack angehängten "Idiot-Interview" schildert der junge Iggy Pop interessante Eindrücke von der Arbeit mit Bowie. Neben einem Begleitheft, in dem die Eckdaten zur Entstehung der Alben zusammengefasst werden, punktet die Box mit einem superb aufgemachten 40-Seiten-Buch. Es bietet seltene Bilder, zu denen auch einige besonders schöne Berlin-Schnappschüsse gehören. Zudem kann man die gut recherchierten und liebevoll aufgemachten Hintergrund-Infos zu der Entstehung von "The Idiot" nachlesen. Abgerundet wird der Faktenpool mit Daten über alle beteiligen Studio- und Live-Musiker und sehr gelungene Interviews mit prominenten Fans (Nick Rhodes von Duran Duran, Depeche Modes Martin Gore, Siouxie Sioux und Produzent Youth). Sie alle sind sich einig: Iggy Pop war ein großer Einfluss auf ihr Schaffen und seiner Zeit damals weit voraus.

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