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"Murder Most Foul" von Bob Dylan: Requiem für Amerikas Seele

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 28.03.2020 Andreas Borcholte

Wann, wenn nicht jetzt hört man sich 17 Minuten lange Songs an? Das dachte sich wohl auch Bob Dylan - und veröffentlichte ein episches Gedicht über das Kennedy-Attentat, das weit in die Gegenwart reicht.

© REUTERS

Acht Jahre lang, seit der Shakespeare-Hommage "Tempest" , gab es keine neuen Songs von Bob Dylan. Die letzten Jahre verbrachte der singende Literaturnobelpreisträger damit, mehrere Alben mit Interpretationen klassischer Lieder aus dem American Songbook herauszubringen – und dauerhaft zu touren, versteht sich. Das war auch schön, aber Dylans Reflexion der Gegenwart, seine Stimme zu  aktuellen Verwerfungen von Gesellschaft und Politik, die fehlte schon sehr.

Diesen Mangel glich der 78-Jährige jetzt mit einem neuen, fast 17 Minuten langen Stück aus, das überraschend in der Nacht zu Freitag veröffentlicht wurde. "Murder Most Foul" heißt die mit Klavier und sachten Streichern instrumentierte Ballade – und sie spielt zunächst auch in der Vergangenheit, auf dem Rücksitz einer schwarzen Limousine.

Das Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy vom 22. November 1963 steht im Zentrum eines sich durch allerhand Popkultur-Referenzen hindurch bis in die Gegenwart ausbreitenden Langgedichts: "Twas a dark day in Dallas, November '63 A day that will live on in infamy/ President Kennedy was a-ridin’ high/ Good day to be livin' and a good day to die/ Being led to the slaughter like a sacrificial lamb", singt Dylan im sinister-sonoren Erzählduktus seines späteren Werks, ein Hinweis darauf, dass dieser Song nicht allzu alt sein dürfte.

Der Meister selbst bleibt so sparsam wie gewohnt in seinen Kommentaren zu "Murder Most Foul": "Greetings to my fans and followers with gratitude for all your support and loyalty across the years. This is an unreleased song we recorded a while back that you might find interesting. Stay safe, stay observant and may God be with you", schreibt er in einer Nachricht, die unter dem Videoclip auf YouTube zu lesen ist.

17 Minuten Klaviergeklimper und viel, sehr viel Text: Das kann zur Geduldsprobe werden, selbst wenn man nicht während der Corona-Krise zu Stubenarrest und Heimarbeit verdammt ist. Aber natürlich nutzt Dylan diese verordnete Zeit des Innehalten und Einkehrens clever für seinen durch die Jahrzehnte assoziierenden Kommentar zur Zeit.

Denn schnell wird klar, dass hier nichts Geringeres als der gegenwärtige Zustand der USA verhandelt wird – mit einem der traumatisierendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts als Ausgangspunkt: dem "Nightmare on Elm Street", aus dem das Land noch immer nicht aufgewacht ist, wie Dylan zu glauben scheint. Im Gegenteil. "The day that they killed him, someone said to me, ‚Son The age of the Antichrist has only begun.‘", singt er und fragt wenig später: "What is the truth, and where did it go?".

Das kann man als Spitze gegen Donald Trump und seine gerade auch zur Corona-Krise virulenten Lügen und Fake News lesen, auch wenn Dylan selbst zuweilen ins Raunen über diverse Verschwörungstheorien verfällt, von der Mafia-These bis zum CIA-Komplott. Aber genau darum geht es ja: Um den Verlust der Reinheit, der Klarheit und des Vertrauens in die Wahrheit. Der Tatort in Dallas wird zur metaphorischen "Crossroads" aus dem Blues, die Kreuzung, an der ein Pakt mit dem Teufel ins Unheil führt: "The place where faith, hope, and charity died", wie Dylan singt.

Von da aus geht es, recht frei flottierend, durch Pop und Kultur, zu den Beatles ("They gonna hold your hand"), nach Woodstock und Altamont, den Hippie-Traum begraben, die Eagles und Fleetwood Mac kommen vor, aber auch Buster Keaton, Patsy Cline, Stan Getz, Etta James, Nina Simone, "Charlie Parker and all that junk,” Nat King Coles "Nature Boy", John Lee Hookers endloser Blues, Radio-DJ Wolfman Jack, Marilyn Monroe und Shakespeare, natürlich.

Diese Reihung wird zur Beschwörung der guten Seele Amerikas, die mit Kennedys gewaltsamer Ermordung verloren gegangen sei, übrig blieb nur Schmerz und Gewalt: "They mutilated his body, and they took out his brain/ What more could they do? They piled on the pain/ But his soul's not there where it was supposed to be at/ For the last fifty years they've been searchin' for that". Zum Glück ist Bob Dylan noch - und wieder - da, um bei der Suche zu helfen.

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