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Neil Young: Schöner trauern

Swyrl.tv-Logo Swyrl.tv 16.06.2020 Sven Hauberg
Aufgenommen 1974 und dann für viereinhalb Jahrzehnte im Archv verschwunden: Neil Young hielt das Album "Homegrown" lange unter Verschluss, weil er es zu persönlich fand. © Reprise Records Aufgenommen 1974 und dann für viereinhalb Jahrzehnte im Archv verschwunden: Neil Young hielt das Album "Homegrown" lange unter Verschluss, weil er es zu persönlich fand.

Mitte der 70er-Jahre nahm Neil Young das wunderbare Album "Homegrown" auf, das er jedoch nie veröffentlichte. Nun erscheint die Platte, die Young damals zu persönlich fand, endlich.

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen: dass es einst eine Zeit gab, in der Privates tatsächlich noch privat war. In der nicht jede Gefühlsregung als WhatsApp-Status herhalten musste, jede neue Liebe und jede Trennung kaum mehr war als ein Eintrag im Instagram-Feed. In so einer Zeit, genauer: im Jahr 1974, nahm Neil Young ein paar Songs auf, in denen er versuchte, seine kurz zuvor gescheiterte Beziehung mit Carrie Snodgress zu verarbeiten.

Fünf Jahre lang waren der kanadische Musiker und die US-Schauspielerin ein Paar gewesen, sie hatten einen Sohn, und Young hatte ihr schon zuvor zwei wunderschöne Songs gewidmet: "Motion Pictures" (aus dem Album "On the Beach", 1974) und natürlich "A Man Needs A Maid" von der "Harvest"-Platte (1972). "I fell in love with the actress, she was playing a part that I could understand", sang Young damals. Als er aber 1974 und Anfang 1975 im Studio war, war die Beziehung vorbei. Nun heißt es ja, dass für einen Künstler nichts inspirierender sei als Trauer. Neil Young aber wollte diese Trauer nicht nach außen tragen - all die Songs, die er damals schrieb und aufnahm, verschwanden im Archiv.

Unglaublich schön, aber auch wahnsinnig traurig: Auf "Homegrown" verarbeitet Neil Young eine gescheiterte Beziehung. © Henry Diltz Unglaublich schön, aber auch wahnsinnig traurig: Auf "Homegrown" verarbeitet Neil Young eine gescheiterte Beziehung.

"Das war ein bisschen zu persönlich"

Im Interview mit Cameron Crowe, der damals für das "Rolling Stone"-Magazin arbeitete, erklärte sich Young einige Monate später. "Viele der Songs handeln davon, wie die Beziehung mit meiner alten Lady zu Ende ging. Das war ein bisschen zu persönlich." Kurz zuvor hatte er "On the Beach" veröffentlicht, "wahrscheinlich eines der deprimierendsten Alben, die ich je gemacht habe." Es sei spannend, an einen derart tiefen Punkt zu gelangen, erzählte Young. Aber bleiben wolle man da unten auch nicht. Young veröffentlichte also eine andere Platte, "Tonight's The Night" - ein Album, das freilich kaum optimistischer war, entstand es doch unter dem Eindruck des Drogentods zweier Freunde.

Viereinhalb Jahrzehnte danach erscheinen die Songs, die Young so lange für sich behielt, nun doch. "Homegrown" enthält sieben bislang gänzlich ungehörte Stücke, andere wurden bereits auf diversen anderen Alben und Kompilationen zugänglich gemacht, hier aber hört man sie ihn ihrer ursprünglichen Fassung. Das Album, eine reine Akustik-Platte, beginnt mit der unglaublich schönen und traurigen Trennungsballade "Separate Ways": "We go our separate ways, looking for better days", singt Young, bevor er auf "Try" (mit Emmylou Harris im Hintergrund) eine Ode an seine Verflossene anstimmt. "Mexico" und "Kansas" sind Young pur, er am Klavier beziehungsweise an der Gitarre, sonst nichts, "ooooh, the feeling's gone" - man möchte ihn einfach nur in den Arm nehmen und trösten.

Es gibt noch viel zu entdecken

"Homegrown" sei "die traurige Seite einer Liebesbeziehung. Der angerichtete Schaden. Der Liebeskummer", schreibt Young auf seiner Website, und selten hat ein Musiker seine eigene Kunst so treffend beschrieben. Immerhin, "Vacancy" und "We Don't Smoke It Anymore" lassen dann doch etwas gute Laune im Studio erahnen. Rätselhaft bleibt die Spoken-Word-Erzählung "Florida".

Auf seiner Website erklärt Young auch, er hätte "Homegrown" schon damals, Mitte der 70-er, veröffentlichen sollen. Das Album sei "tatsächlich großartig, darum nahm ich es ja überhaupt auf". Wie recht er hat! Unter den sehr vielen Veröffentlichungen der letzten Jahre ist "Homegrown" eine der besten. Man darf gespannt sein, welche weiteren Schätze der Musiker in den letzten Wochen, die er in Corona-Quarantäne mit im Netz übertragenen Hauskonzerten verbrachte, sonst noch ausgegraben hat. Für dieses Jahr sind vier weitere Veröffentlichungen angekündigt, drei Live-Alben und die Box "Archives Volume 2". Allein von den Aufnahmen zu "Homegrown", erklärte Young einmal, seien noch rund ein Dutzend Songs übrig, die es nicht auf das Album geschafft haben. Es gibt also noch viel zu entdecken.

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