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Ingeborg-Bachmann-Preis für Nava Ebrahimi

dw.com-Logo dw.com 20.06.2021 Elizabeth Grenier (tl)

Der mit 25.000 Euro dotierte Preis für deutschsprachige Literatur geht an Nava Ebrahimi, laut Jury "eine der spannendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur".

Nava Ebrahimi © ORF/LST KÄRNTEN/dpa/picture alliance Nava Ebrahimi

In "Der Cousin" behandelt die im Iran geborene, in Deutschland aufgewachsene und in Österreich lebende Schriftstellerin Nava Ebrahimi die Fluchtgeschichte eines schwulen Tänzers. In der Juryentscheidung heißt es, Ebrahimi behandle damit auch eine der aktuellen Kernfragen, nämlich wie viel Show es brauche, damit Botschaften überhaupt noch wahrgenommen würden.

Vierzehn Autorinnen und Autoren haben am Wettlesen in Klagenfurt teilgenommen, darunter sieben aus Deutschland.

Ein eigenwilliger Wettbewerb

MIt dem Ingeborg-Bachmann-Preishatten deutschsprachige Autorinnen und Autoren bereits ihren ersten eigenwilligen Talentwettbewerb, als an Castingshows im Fernsehen noch gar nicht zu denken war.

Ingeborg-Bachmann-Preis: 25 Minuten lesen die Autorinnen und Autoren aus einem unveröffentlichten Werk © GERT EGGENBERGER/picturedesk/APA/picture alliance Ingeborg-Bachmann-Preis: 25 Minuten lesen die Autorinnen und Autoren aus einem unveröffentlichten Werk

Nun ist die Veranstaltung, die seit 1977 jährlich im österreichischen Klagenfurt gastiert, keine schrille Show mit Topmodels, schiefem Gesang oder Tanzeinlagen, sondern eine auf den ersten Blick eher trockene Angelegenheit.

Pro Text eine knappe Stunde

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lesen 25 Minuten lang einen ihrer unveröffentlichten Texte. Die gesamte Lesung wird fürs Fernsehen in Echtzeit gefilmt - ohne Spezialeffekte, Schnittbilder oder dramatische Tonspur.

Die Autorinnen und Autoren sitzen dabei vor den Jurorinnen und Juroren an einem Tisch - gewöhnlich vor einem Live-Publikum. 2020 gab es die Lesungen wegen der Pandemie nur online, in diesem Jahr ist es eine Hybrid-Version.

Preisträgerin: Sharon Dodua Otoo gewann 2016 © picture-alliance/dpa/P. Zinken Preisträgerin: Sharon Dodua Otoo gewann 2016

Wie in den TV-Castinghows reagieren die Jurymitglieder direkt nach dem "Auftritt" auf den jeweiligen Text. Doch statt ihre Meinung in ein oder zwei knappen Sätzen zusammenzufassen, beschäftigen auch sie sich rund 25 weitere Minuten mit dem Inhalt des Textes.

Dating der Verlagsbranche

Im Zeitalter von TikTok und Trends wie Bookstagram wirkt der dreitägige Lesemarathon mit inzwischen 14 Autorinnen und Autoren wie aus der Zeit gefallen. Im deutschsprachigen Literaturbetrieb ist er aber nach wie vor ein bedeutendes Event.

Um den Wettbewerb über ein Nischenpublikum hinaus sexy zu machen, schrieb die Münchner "Abendzeitung" mal von einem "Deluxe-Tinder der Verlagsbranche". Die Hoffnung, sich durch einen Auftritt einen Vertrag mit einem Buchverlag zu ergattern, ist nicht unbegründet: Katja Petrowskaja oder Emine Sevgi Özdamar erlangten nach dem Wettbewerb dank englischsprachige Übersetzungen ihrer Texte internationale Bekanntheit.

Avantgarde-Koryphäe: Ingeborg Bachmann © picture-alliance/dpa Avantgarde-Koryphäe: Ingeborg Bachmann

Und auch das Preisgeld ist spektakulär. Insgesamt werden bei diesjährigen Festival Preisgelder in Höhe von 62.500 Euro vergeben.

Ingeborg Bachmann, Superstar

Benannt wurde der Preis nach der österreichischen Dichterin und Autorin Ingeborg Bachmann, die 1926 in Klagenfurt, dem Austragungsort des Festivals, geboren wurde. Als eine der Avantgarde-Koryphäen der literarischen Nachkriegsszene setzte sich Bachmann in Lyrik und Prosa mit Themen wie der Emanzipation der Frau, Imperialismus und Faschismus auseinander; ebenso berühmt wurden ihre Essays und öffentlichen Reden, die sich mit der Rolle von Schriftstellerinnen und Schriftstellern und der Literatur auseinandersetzten.

Ingeborg Bachmann 1952 bei einem Treffen der Gruppe 47 - neben Paul Celan © H. Müller Ingeborg Bachmann 1952 bei einem Treffen der Gruppe 47 - neben Paul Celan

Ihr Mythos wurde durch ihren frühen und mysteriösen Tod noch verstärkt. Im September 1973 war Bachmann in ihrer Wohnung in Rom mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen. Als ihre schweren Verletzungen im Krankenhaus behandelt wurden, starb sie an tödlichen Entzugserscheinungen. Die Ärzte wussten nicht, dass sie stark von Beruhigungsmitteln abhängig war.

Mitglied der Gruppe 47

Zu ihrem Ruhm trug auch bei, dass sie der geschätzten Gruppe 47 angehörte, einem einflussreichen literarischen Zirkel, dessen informelle Treffen der Vorläufer des Festivals der deutschsprachigen Literatur waren.

Zu diesen Treffen wurden vielversprechende Autorinnen und Autoren eingeladen, um aus noch unveröffentlichten Manuskripten zu lesen und anschließend ein Kritikergespräch zu führen. Mit Meilensteinen wie Günter Grass' "Die Blechtrommel", die aus dem Treffen hervorgingen, wurde die Gruppe zu einer der maßgeblichen literarischen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland.

Verriss von Reich-Ranicki

Auch Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), ein prominenter Kritiker von Bachmann und später als "Literaturpapst" bekannt, gehörte der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises an. Seine emotionalen und messerscharfen Einschätzungen prägten den Ton der Diskussionen. Reich-Ranicki verfügte, dass die Autorinnen und Autoren auf die Kritik der Jury nicht antworten durften und die teils demütigenden Kommentare schweigend entgegennehmen mussten.

Keine Widerworte: Marcel Reich-Ranicki schoss mit Kritik übers Ziel hinaus © picture-alliance/United Archives/Impress/Impress Keine Widerworte: Marcel Reich-Ranicki schoss mit Kritik übers Ziel hinaus

Das erste Opfer war Karin Struck (1947-2006), deren Text Reich-Ranicki im Eröffnungsjahr 1977 verriss: "Wen interessiert es, was Frauen denken, was sie fühlen, während sie menstruieren? Das ist keine Literatur, sondern ein Verbrechen." Unter Tränen verließ die Autorin das TV-Studio.

Wegen solcher Ausbrüche heißt es häufig, in Klagenfurt versammele sich die literarische Sadomaso-Szene - auch wenn die Jury heute deutlich sachlicher urteilt als zu Reich-Ranickis Zeiten.

Skandale bringen Aufmerksamkeit

Seit seinen Anfängen war das Festival als TV-Format für den öffentlich-rechtlichen ORF konzipiert. Im Jahr 2013 verkündete der Sender, dass das Festival aufgrund von Budgetkürzungen nicht mehr stattfinden würde. Die Folge waren wütende Proteste, bis sich Sponsoren fanden, die den Wettbewerb am Leben hielten.

Skandal, aber kein Preis: Rainald Goetz schnitt sich die Stirn auf © ORF Kärnten Skandal, aber kein Preis: Rainald Goetz schnitt sich die Stirn auf

Im Laufe der Jahre haben einige Autorinnen und Autoren versucht, mit ihren Lesungen für Schlagzeilen über den Literaturbetrieb hinaus zu sorgen. Im Jahr 1983 schlitzte sich der deutsche Autor Rainald Goetz mit einer Rasierklinge die Stirn auf, als er die Worte "Ihr könnt's mein Hirn haben" las - und machte weiter, während das Blut über sein Gesicht lief und auf seinen Text tropfte.

Der Schweizer Autor Urs Allemann sorgte 1991 für einen Skandal, als er einen Prosatext mit dem Titel "Babyficker" vorstellte, der als Verharmlosung von Pädophilie angesehen wurde. Und der Österreicher Philipp Weiss aß 2009 sein Manuskript buchstäblich auf.

Zum Gewinn des Hauptpreises hat keine dieser Aktionen beigetragen. Die Gewinnerinnen und Gewinner überzeugten nicht mit Possen, sondern starken Texten.

Die Lesungen des 45. Festivals für deutschsprachige Literatur fanden in diesem Jahr vom 17. bis 20. Juni statt.

Deutsche Adaption: Torsten Landsberg. Dies ist eine aktualisierte Fassung des Artikels vom 18.06.2021.

Autor: Elizabeth Grenier (tl)

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