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Radikal vertikal

Süddeutsche Zeitung-Logo Süddeutsche Zeitung 01.05.2020 Von Bernhard Blöchl

Wie wirkt sich der Shutdown auf das Filmemachen aus? Spontane Web-Serien aus München spiegeln spielerisch die Krise

Dimitrij Schaad hat es nicht leicht. Vor Kurzem musste sich der Schauspieler in der Hit-Komödie "Die Känguru-Chroniken" mit einem vorlauten Beuteltier herumschlagen. In einer jüngeren Produktion nun droht ihm der väterliche Kollaps bei der Geburt seines Kindes. Das Knifflige an der Sache: Weder er noch die Hebamme (routiniert stark: Annette Frier) sind bei der Hausgeburt physisch präsent, verbunden sind die drei (Vanessa Eckart als werdende Mutter) per Video-Call auf dem Smartphone. Das führt zu einem herrlich skurrilen Split-Screen-Schlamassel mit Gestöhne, Motivationsgelaber und technischen Pannen.

Knapp fünf Minuten ist "Geburtshilfe" lang, eine filmische Sturzgeburt sozusagen. Die Miniatur zählt zu den stärksten Folgen einer neuen Webserie, die "Curfew Calls" heißt und via Instagram zu sehen ist. Seit Mitte April wächst sie Tag für Tag und kostenlos um eine Mini-Episode, mindestens 14 sind zunächst geplant. Die Basis bildet stets ein Video-Call; Schauspieler (unter anderen auch Juliane Köhler), Situationen (vom Allein-zu-Haus-Thriller bis zur Yoga-Stunde) und auch Regie (etwa Alex Schaad) variieren. Curfew ist das englische Wort für Ausgangssperre, die Serie ist denn auch als direkte Reaktion auf die Krise zu verstehen.

Entstanden ist sie als spontanes Projekt von Filmstudentinnen aus München. Wie wohl viele Kollegen in der Branche waren Anna Roller, Katharina Kolleczek und Lea Neu von dem allgemeinen Drehstopp frustriert. "Als aufgrund von Corona vorerst alle Dreharbeiten abgesagt werden mussten, haben wir überlegt, wie wir eben trotzdem drehen können - natürlich ohne direkten Kontakt und ohne klassisches Filmset", sagt die HFF-Regie-Studentin Roller. Sehr schnell haben sie zahlreiche Kommilitonen mobilisiert und ausschließlich über Video-Calls von zuhause aus produziert; in den jüngsten, inzwischen beendeten Semesterferien. Das Thema lag für sie auf der Hand. "Wir mussten sofort alle an unsere fast schon alltäglich gewordenen Video-Konferenzen mit Familien und Freunden denken. Parallel wurden auf Social Media unzählige Fotos von Bildschirmansichten mit Conference Calls gepostet, und wir haben uns gefragt, was wohl in solchen Calls alles passieren kann."

Der Drang zu drehen bleibt auch in Quarantäne groß. Gerade bei jungen Filmemachern, die sich ausprobieren wollen und vor Kreativität sprühen. Geld fließt dabei (noch) nicht. Im Fluss ist aber allemal die filmische Ästhetik. Die ist zwar in diesem Fall nicht neu, aber dennoch sehr stilbildend und prägend für die Zeit während und womöglich auch nach Corona. Statt im Breitbildformat episch zu erzählen, drängt sich das schnelle und vor allem vertikale Erzählen auf. Nicht als Ersatz, aber als Facette. Es gibt ja bereits eigene Festivals, die sich Filmen im Hochformat widmen wie Friedrich Liechtensteins "Vertikale". Alle Folgen von "Curfew Calls" sind ebenfalls im Smartphone-tauglichen Hochformat konzipiert.

Nach diesem Prinzip funktioniert auch "V-Dates", ein weiteres Projekt aus dem Umfeld der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF). Der Regie-Absolvent Julius Grimm veröffentlicht seine Comedy-Webserie (Buch und Regie zusammen mit Florian Günther) ebenfalls täglich auf Instagram. Die 16 Folgen der ersten Staffel sind mit 90 Sekunden sogar noch kürzer als die Mehrminüter seiner Kolleginnen. Gedreht wurde ebenfalls kontaktfrei über die jeweiligen Webcams. Corona ist hier allerdings kein Thema, im Fokus stehen ausschließlich erste Dates per Video-Call. Das soll möglichst lustig sein - und ist es auch. Etwa, wenn die Frau nicht merkt, dass die Übertragung zum Unbekannten bereits begonnen hat, oder wenn sie plötzlich ihren Ex vor der Kamera hat - in ihrer Unterwäsche und mit Maske. Die Miniaturen sind überraschend und amüsant, das hohe Tempo sorgt für den Smartphone-tauglichen Spaß für Zwischendurch. Nicht mehr und nicht weniger. Mit dabei im Ensemble, das kreuz und quer zum Tête-à-tête antritt, ist unter anderem Simon Pearce und Kathrin Anna Stahl.

Auf Youtube im gewohnten Querformat gestartet ist "Soko Corona", die selbst ernannte "erste Quarantänen-Krimiserie". Hinter dem Gratis-Kurzfilm-Quatsch steckt der Münchner Kabarettist Joe Heinrich und die von der Schauspielerin Christina Baumer angezettelte Künstlervereinigung "Quarantänekunst". Regie führt Heinrich, der auch in der BR-Sendung "Quer" die Handpuppen tanzen lässt. In der "Soko Corona" sind es keine Söder- und Aigner-Puppen wie im Bayerischen Fernsehen, hier erweckt er seine Figuren Wolpert Wolpertinger und Robert Leberkäs zu neuem Leben, lässt sie als Kommissare ermitteln - politisch korrekt vom Wohnzimmer aus. Und auch die menschlichen Schauspieler mussten ihre Rollen als Selfie-Videos inszenieren. In guten Momenten haben die Miniaturen anarchistische Nonsens-Kraft, in den schlechten sind die Filmchen nicht mehr als improvisiertes Sketch-Theater.

Dass in kurzer Zeit - unter nicht vergleichbaren professionellen Bedingungen freilich - auch richtig gute Online-Serien entstehen können, zeigt "Drinnen" mit Lavinia Wilson. Die Comedy-Miniaturen von ZDFneo gehen formal und inhaltlich gekonnt spielerisch mit dem Corona-Alltag zwischen Home-Office, Digitalwahnsinn und Isolation um.

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