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Ulli Zelle zum Tod von Lord Knud : Eine Berliner Marke, eine Stimme West-Berlins

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 17.06.2020 Ulli Zelle

Ulli Zelle ruft einer prägenden West-Berliner Stimme ein letztes Farewell nach. Der Radiomoderator und Musiker ist mit 76 Jahren gestorben.

Lord Knud ist mit 76 Jahren gestorben. © Foto: imago images/BRIGANI-ART Lord Knud ist mit 76 Jahren gestorben.

Lange Haare, Rüschenhemd, Schlaghose – so sah ich zum ersten Mal Lord Knud, damals Bassist der Lords, die auch in unserer Kreisstadt im niedersächsischen Stadthagen gastierten. Im Ratskeller. Die Lords zählen damals zu den besten Beatbands des Landes. Da musste ich hin!

„Poor Boy“ war ihr großer Hit. Den Text konnte ich damals natürlich auswendig. War wichtig zum Mitsingen: „Life is very hard to stay ay ay ay yeah“! Es wurde hart für Knud. 

Die Nachricht las ich in der „Bravo“: Die Lords mit ihrem Tourbus verunglückt, Lord Knud muss ein Bein amputiert werden. Das war ein Schock! Und damit war Knud raus aus der Band, das fand ich furchtbar hart.

Als ich dann nach Berlin kam, war Lord Knud wieder da. Im Rias, dem Rundfunk im amerikanischen Sektor in West-Berlin, moderierte er Sendungen wie „Schlager der Woche“ oder „Evergreens a go go“.

Der Anteil von Rockmusik im deutschen Radio war damals sehr überschaubar, also fieberten wir diesen Sendungen entgegen. Da der RIAS bis weit in die DDR hinein empfangen wurde, fieberten auch viele Ostdeutsche, die sich nur unter Pseudonym einen Song wünschen konnten. Und Knud moderierte frei nach Berliner Schnauze, mit derben Witzen und scharfen Spitzen gegen „die da drüben“, die SED.

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Lord Knud war ein Audio-Star, so wie Nero Brandenburg, Olaf Leitner oder Gregor Rottschalk. Er gehörte zu Radiopersönlichkeiten, die es heute im Format-Radio leider kaum noch gibt, hatte offensichtlich alle Freiheiten. Bis er Witze unter der Gürtellinie machte. Dann war für Knud auch im Radio Schluss.

Als echter Entertainer legte er in damals angesagten Clubs auf. Ich erinnere mich sehr dunkel noch an das „Riverboat“ am Fehrbelliner Platz. Nach dem Rias versuchte der Ex-Lord es noch beim sogenannten „Frosch-Funk“, dem ersten Privatsender Berlins in den 90er Jahren. Statt langer Haare und Rüschenhemd waren jetzt riesige Brille und schrille Klamotten seine Markenzeichen. Er war eine Berliner Marke, ein schräger Typ, der zu jener Zeit zur Klangfarbe West-Berlins gehörte.

Eine Marke für Berlin

Oft saß er am Stammtisch des „Diener“, dem Traditionslokal in der Grolmanstraße. Wobei Knud eher dem Haschisch als dem Bier zusprach. Da saß er neben Klaus Zapf, dem mittlerweile auch verstorbenen Spediteur ohne Führerschein. Vielleicht gibt’s jetzt ein Wiedersehen.

Ich habe ihn das letzte Mal vor einigen Monaten in einer Tankstelle gesehen. Die Resthaare waren wieder länger, die Brille dick, der Kopf nach unten gebeugt, unterm Arm viele Tageszeitungen. Ich denke, er war ein kluger, verrückter Kopf. Eben eine Marke für Berlin. Jetzt ist Knud Kuntze mit 76 Jahren gestorben.

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