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Noel Gallagher: "Ich habe vielleicht ein Dutzend wirklich wichtige Songs geschrieben"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 10.06.2021 Daniel Schieferdecker

Noel Gallagher feiert auf einem Best-of-Album sein zehnjähriges Solojubiläum. Ein Gespräch über Musik für die Ewigkeit, Nostalgie und die fehlende Coolness von Oasis

© Matt Crockett

Ja, die Zeit verfliegt wirklich: Der einstige Oasis-Songwriter und dortige Gelegenheitssänger Noel Gallagher ist nach dem Oasis-Split im Jahr 2009 nun auch schon ein Jahrzehnt als Solomusiker unter dem Projektnamen Noel Gallagher's High Flying Birds tätig. Anlässlich des Jubiläums erscheint am 11. Juni das Best-of "Back The Way We Came: Vol. 1 (2011-2021)". Das Gespräch fand auf Zoom statt.

ZEIT ONLINE: Mister Gallagher, für Ihr neues Best-of-Album mussten Sie all Ihre alten Lieder noch einmal durchgehen. Welches ist das beste, das Sie je geschrieben haben – inklusive Oasis-Songs?

Noel Gallagher: Boah, Scheiße – das ist schwer! Ich würde sagen: Live Forever, Supersonic, Don’t Look Back in Anger, The Importance of Being Idle, Everybody’s on the Run, What a Life, Riverman

ZEIT ONLINE: Also quasi jedes Lied, das Sie geschrieben haben?

Gallagher:(lacht) Nein, nein, nein! Ich würde sagen, dass ich vielleicht ein Dutzend wirklich wichtige Songs geschrieben habe. Nicht zwangsläufig wichtig für andere, aber für mich.

ZEIT ONLINE: Welcher war der erste?

Gallagher: Live Forever. In der Nacht, bevor ich den Song geschrieben habe, war ich lediglich irgendein Typ in einer Indie-Band. Danach war ich in einer der größten Bands aller Zeiten.

ZEIT ONLINE: Als erste Single von Oasis haben Sie aber nicht Live Forever, sondern Supersonic veröffentlicht. Warum?

Gallagher: Weil Supersonic mindestens genauso gut ist. Das war der richtige Track, um uns der Welt als Oasis vorzustellen. Übrigens: Den haben wir innerhalb einer Nacht geschrieben, aufgenommen und gemixt.

ZEIT ONLINE: Sie sagten gerade, dass Live Forever der erste großartige Song gewesen sei, den Sie geschrieben hätten. Wussten Sie auf Anhieb, dass dieser Song etwas Besonderes ist?

Gallagher: Ja. Damals war ich 23, hatte meine Plattensammlung studiert, unzählige Musikmagazine gelesen und wusste genug über Songwriting, um zu wissen, dass dieses Stück nicht nur gut, sondern großartig ist. Ein Instant Classic. Und alle anderen Songs, die ich in den drei Jahren danach schrieb, wurden ebenfalls groß und fantastisch. Live Forever hat damals eine Tür aufgestoßen und mir den Weg dafür geebnet, auf einmal all diese grandiosen Lieder schreiben zu können.

ZEIT ONLINE: Fällt es Ihnen heutzutage leichter oder schwerer, neue Songs zu schreiben?

Gallagher: Ich kann mich an eine Diskussion mit Ian Brown von den Stone Roses vor elf, zwölf Jahren erinnern, wo wir genau darüber gesprochen und uns gefragt haben, warum es trotz all der Erfahrung schwerer wird – denn damals haben wir das so empfunden. Eine Antwort darauf haben wir allerdings nicht gefunden. Doch mittlerweile hat sich das verändert: Heute finde ich es leichter.

ZEIT ONLINE: Haben Sie heute eine Erklärung dafür?

Gallagher: Was ich in den letzten zehn Jahren gelernt habe, ist: Musik zu erschaffen klappt nur dann, wenn du in der richtigen Verfassung dafür bist – das ist wie bei vielen anderen Dingen auch. Vor zwölf Jahren war ich einfach noch nicht so weit wie heute. Heute besitze ich eine viel größere Weitsicht, kann meiner Fantasie freien Lauf lassen und sie in unterschiedlichste Bahnen lenken. Vor zwölf Jahren war mein Denkrahmen sehr viel schmaler. Und wer weiß: In fünf Jahren gebe ich Ihnen vielleicht wieder eine andere Antwort.

ZEIT ONLINE: Gab es einen bestimmten Moment, an dem Sie gemerkt haben, dass Ihnen das Song-Schreiben plötzlich leichter fällt?

Gallagher: Ja, mehrere. Einer davon war der, als ich meinen heutigen Produzenten traf, David Holmes. Der hat mir ausgeredet, Songs auf traditionelle Art und Weise zu schreiben, sprich: ein Studio zu buchen, drei Songs zu schreiben und sie aufzunehmen.

ZEIT ONLINE: Welchen Ansatz hat er verfolgt?

Gallagher: Ein Studio buchen und einfach herumprobieren. Ohne gleich den Druck zu haben, am Ende mit ein paar fertigen Songs herauszukommen. Dieser Ansatz klingt banal, hat mir als Songwriter aber eine komplett neue Richtung gegeben. David war der Einzige, der zu mir gesagt hat: "Lass bloß deine scheiß Akkustikgitarre zu Hause! Bring lieber ein paar Effektgeräte mit!" (lacht) Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

ZEIT ONLINE: Haben Sie manchmal Angst, sich zu wiederholen?

Gallagher: Nein, gar nicht. Und selbst wenn: Ein guter Song ist ein guter Song. Punkt. Einer der beiden neuen Tracks des Best-ofs namens We’re On Our Way Now klingt stilistisch, klanglich und textlich wie viele andere Songs, die ich in den vergangenen zwanzig Jahren geschrieben habe – großartig ist er trotzdem.

ZEIT ONLINE: Mit welchem Anspruch gehen Sie ins Studio?

Gallagher: Jedenfalls nicht damit, dass alles komplett anders klingt als am Tag zuvor. Letztlich bin immer auf der Suche nach der magischen Melodie und der universellen Wahrheit in den Lyrics.

ZEIT ONLINE: Sie haben mal gesagt, in Musik gehe es immer um Nostalgie. Inwiefern?

Gallagher: Romantik ist ein nostalgisches Gefühl, und meine Songs sind allesamt auf eine Art romantisch. Etwas zu lieben ist nostalgisch. Du kannst schließlich nicht in die Zukunft verliebt sein, weil sie noch nicht passiert ist. Stattdessen lieben viele Leute die Vergangenheit und blicken darauf zurück, um irgendeine Bedeutung für ihr Leben daran abzumessen. Daher: Musik ist nostalgisch.

ZEIT ONLINE: Also würden Sie sich selbst als Nostalgiker bezeichnen.

Gallagher: So nennen würde ich mich nicht, aber mir macht es nichts aus, auf der Bühne nostalgisch zu sein und zwanzig Jahre alte Songs zu spielen. Ich habe bei mir zu Hause aber nirgendwo Oasis-Poster hängen, wenn Sie das meinen. Ich trage auch keine Parkas mehr. (lacht) Ich bin ein Gegenwartsmensch. Über die Zukunft denke ich nicht allzu viel nach.

ZEIT ONLINE: Hat das Zusammenstellen der Tracklist von Back The Way We Came Sie nostalgisch gemacht?

Gallagher: Die Tracklist war relativ offensichtlich, weil sie fast ausschließlich aus den Singles besteht – das sind eben auch die besten Songs. Das hat mich nicht groß nostalgisch werden lassen, nein.

ZEIT ONLINE: Eine deutsche Schauspielerin hat mal gesagt, dass sie sich mit jeder neuen Rolle auch als Mensch verändern würde. Wie ist das bei Ihnen, wenn Sie eine neue Platte veröffentlichen: Ist das vergleichbar?

Gallagher: Nein, gar nicht. Meine Musik verändert sich zwar auch, wenn sich meine Einflüsse ändern, aber ich bleibe immer ich. Nehmen Sie nur mal einen Song wie Blue Moon Rising. Bevor ich anfange zu singen, denkt man: "Wer zur Hölle ist das?" Aber sobald ich den Mund aufmache, erkennt man sofort: "Ah, das ist Noel Gallagher." Meine Stimme ist meine Stimme, daran ist nicht zu rütteln.

ZEIT ONLINE: Was ist für Sie als Musiker wichtiger – künstlerische Veränderung oder Konstanz?

Gallagher: Wenn ich mich für eins von beiden entscheiden müsste, würde ich wohl Konstanz wählen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Gallagher: Ich mag vor allem Veränderung nicht, die nur um der Veränderung willen vonstatten geht. Und wenn man stattdessen konstant großartig sein kann, ist das doch eine gute Sache. (lacht)

ZEIT ONLINE: Auf Back The Way We Came ist auch das Stück Black Star Dancing enthalten. Stimmt es, dass der legendäre Musikproduzent Nile Rodgers seinerzeit durch das Studio getanzt ist, als er das Lied dort zum ersten Mal gehört hat?

Gallagher: Ja, das ist wahr! Ich war damals in den Abbey Road Studios und saß gerade in der Kantine zu Mittag, als jemand zu mir meinte, Nile Rodgers sei in Studio 1. Weil ich ihn durch meinen Freund Johnny Marr kannte, bin ich hin und habe hallo gesagt. Später kam er dann noch mal bei mir im Studio vorbei, als wir gerade am finalen Mix zu Black Star Dancing saßen. Er setzte sich auf eine Stuhllehne, hörte aufmerksam zu und fragte: "Wer ist das?" Ich so: "Ich." Er: "Das bist du?!" Er sprang auf, tanzte durchs Studio und meinte nur: "This is fucking dope!" Ich dachte nur: "Alter, Nile Rogers gefällt mein Song! Der Typ war im Studio 54!" Das war ein super Tag!

ZEIT ONLINE: In früheren Interviews haben Sie gesagt, Sie wünschten, Oasis hätten sich bereits 1996 auf ihrem Zenit getrennt – und nicht erst 2009. Was denken Sie, wie Ihre Solokarriere heute aussehen würde, wenn sich die Band schon früher aufgelöst hätte?

Gallagher: Boah, keine Ahnung. Wahrscheinlich wären Oasis dann wieder zusammen. (lacht) Worauf ich damals hinauswollte: Wie verdammt cool wäre es denn bitte gewesen, wenn wir nach diesen riesigen Konzerten, die wir damals gespielt haben, auf dem Höhepunkt unseres Schaffens einfach aufgehört hätten?! Cooler hätte man es doch gar nicht machen können. Aber wenn Oasis eine Sache nicht waren, dann cool.

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