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Run The Jewels, "RTJ4": Letzte Worte an das Erschießungskommando

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 05.06.2020 Andreas Borcholte

Das Duo Run The Jewels ist das politische Gewissen der Rap-Szene in den USA. Ihr wütendes, neues Album wurde jetzt gratis veröffentlicht. Es ist der Soundtrack der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt.

© C Flanigan/ FilmMagic/ Getty Images

"Fuck it, why wait" - scheiß drauf, warum warten? – schrieben Run The Jewels am Mittwochabend auf ihrem Instagram-Account. Eigentlich sollte ihr viertes Album ganz regulär am Freitag erscheinen, aber Killer Mike, Rapper aus Atlanta, und El-P, Rapper und Produzent aus New York, haben die Dringlichkeit des Moments erkannt.

Sie bieten "RTJ4" ab sofort als Gratis-Download auf ihrer Website an, fordern ihre Fans aber dazu auf, als Gegenleistung eine Spende an Organisationen zu entrichten, die den Demonstranten, die zurzeit in den USA gegen die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizeibeamten protestieren, Rechtsbeihilfe bieten. Die Welt sei "von Bullshit befallen", schreibt das Duo, "hier ist also etwas Rohes, das ihr Euch anhören könnt, während ihr mit all dem klarkommt."

Tatsächlich könnte "RTJ4", ein wütendes, furioses Album, so etwas wie der alle politischen Lager und Hautfarben durchdringende Soundtrack zu den Protesten werden - ähnlich wie Kendrick Lamars "To Pimp A Butterfly" vor fünf Jahren zur Begleitmusik für die Black-Lives-Matter-Bewegung war.

Run The Jewels wurden in den vergangenen Jahren mit harter, sozialkritischer Hip-Hop-Prosa zu einer Art politischem Gewissen der Rap-Szene, ihre scheppernden, rollenden Old-School-Beats knüpfen an die Tradition des "CNN für Black America" an, die aggressive Bands wie Public Enemy und NWA in den Achtzigerjahren etablierten.

Vielfach erinnert ihr Sound, gepaart mit einem Hang zum anarchischen Witz, an die Beastie Boys. Genau könnte "RTJ4" nicht nur für ein schwarzes, sondern auch für das Publikum der politisch interessierten White Liberals in den USA attraktiv machen. Killer Mike (Michael Santiago Render, 45) ist den meisten von ihnen ohnehin bereits bekannt durch seine Unterstützung des linken Senators Bernie Sanders, der 2016 und 2020 für die US-Präsidentschaftswahl kandidieren wollte.

Auf Netflix hat der auch physisch wuchtige Rapper eine eigene Doku-Serie, "Trigger Warning with Killer Mike", in der der Südstaaten-Rapper Themen wie Rassismus, Armut, wirtschaftliche Diskriminierung von Schwarzen und Gang-Kriminalität mit radikalem, gerne auch unkorrektem Humor aufspießt. Sein Partner El-P (Jaime Meline, 45), ist eine Ostküsten-Rap-Legende, er ist weiß.

Das Spektrum von Run The Jewels reicht inzwischen von Beiträgen für Hollywood-Soundtracks und Auftritten in TV-Serien bis zu einer eigenen Cannabis-Marke, die sie demnächst auf den Markt bringen wollen. Entertainment, Politik und Street-Credibility vereinen sich unter der Marke "RTJ" zu einer ungewöhnlichen, sehr einflussreichen Hip-Hop-Macht.

Einige Tracks auf "RTJ4" treffen den Nerv der afroamerikanischen Proteste auf geradezu unheimlich prophetische Weise. "And you so numb you watch the cops choke out a man like me/ Until my voice goes from a shriek to whisper 'I can’t breathe'/ And you sit there in the house on the couch and watch it on TV/ The most you give’s a Twitter rant and call it a tragedy", rappt Killer Mike im zentralen Stück "Walking In The Snow" über verzerrten Gitarren und appelliert damit vor allem an die weiße Hörerschaft: Ein Aufruf, nicht in Apathie zu verfallen, Empathie mit den Schicksalen der Schwarzen aufzubringen.

Das Zitat "I can’t breathe" wirkt, als wäre es auf die aktuellen Geschehnisse gemünzt, es waren einige der letzten Worte von George Floyd. Der weiße Polizist Derek Chauvin hatte sein Knie knapp neun Minuten lang auf den Hals des 46-Jährigen gepresst, Floyd bekam keine Luft mehr und starb.

Dabei spielen die Worte eigentlich auf Eric Garner an, der 2014 in New York ebenfalls durch Polizeiübergriffe zu Tode kam. Auch er mahnte den Beamten, der ihm die Luft abschnürte: "Ich kann nicht atmen". Vergeblich.

Am vergangenen Wochenende trat Killer Mike bei einer Presse-Konferenz der schwarzen Bürgermeisterin von Atlanta auf, die er 2018 im Wahlkampf unterstützt hatte. Seine bewegende Rede erregte viel Aufmerksamkeit. Unter Tränen schilderte er, der Sohn eines Polizisten, seine Verzweiflung über Floyds Schicksal, rief aber gleichzeitig dazu auf, im allgemeinen Aufruhr auf den Straßen "nicht das eigene Haus abzubrennen". Nicht Supermärkte und Geschäfte der Bewohner von Atlanta müssten niedergebrannt werden, sondern das System des institutionalisierten Rassismus sei es.

Auf dem Album, das natürlich vor Floyds Tod entstand, geben sich Run The Jewels weniger versöhnlich. Ihr Gespür für die schon seit langer Zeit explosive, konfrontative Lage im Land zeigen sie gleich im ersten Track "Yankee And The Brave": "I got one round left, 100 cops outside/ I can shoot at them or put one between my eyes/ Chose the latter, it don’t matter, it ain't suicide/ And if the news say it was, that's a god damn lie/ I can't let the pigs kill me I got too much pride", rappt Killer Mike darin.

Für "JU$T", einen zornigen Rant gegen die Versklavung der Schwarzen durch die Macht weißer Geldpolitik, holten sich die beiden Verstärkung durch R&B-Popstar Pharrell Williams ("Happy") und Zack de la Rocha, Sänger der Agitprop-Rockband Rage Against The Machine.

Sloganhafte Lyrics wie "Look at all these slave masters posing on yo dollar (get it)" oder "There's a grenade in my heart, and the pin is in their palm" sind so suggestiv wie agitatorisch. Je weiter man in das Album vordringt, desto düsterer und klaustrophobischer wird die Stimmung.

Manches droht in Verschwörungstheoretisches auszuufern, vor allem, wenn es um eine vermeintlich unheilige Allianz von weißer Politik, Kirchen und Wirtschaftsmacht geht. Aber Killer Mike ist klug genug, solch fiebrige Ausschweifungen wenige Verse später zu relativieren.

Sie sind letztlich ein Abbild der Irrationalität und Hilflosigkeit, die sich in die Proteste um George Floyd mischen. Gleichzeitig spiegeln sie das generelle Misstrauen, dass immer mehr Menschen politischen Institutionen gegenüber hegen, nicht nur in den USA: "Not saying its a conspiracy but you’re all against me".

Am Ende entwerfen Run The Jewels das Bild eines Erschießungskommandos, das böse Vorahnungen auf einen kommenden Bürgerkrieg vorwegnimmt. Das in eine minutenlange Jazz-Kakophonie mündende "A Few Words For The Firing Squad" ist das ambitionierteste und zugleich wirkmächtigste Stück Musik, das die Band bisher veröffentlicht hat.

Eine Bilanz des Trotzes und der Frustration kurz vor der Eskalation, das tief in die Pop-Historie afroamerikanischer Diskriminierung ausgreift - von Nina Simones Lynchmob-Ballade über Martin Luther King und Malcolm X bis zum "Riot" von Sly And The Family Stone". Die letzten Zeilen von "RTJ4" hallen noch lange und unheilvoll nach: "For the one's whose body hung from a tree like a piece of strange fruit/ Go hard, last words to the firing squad was fuck you too".

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