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Unternehmen werden grüner - auch auf dem Papier

<p>Schnell, einfach und kostengünstig: Mit der entsprechenden Software sollen Unternehmen, auch ohne besondere Kenntnisse, Berichte über Umweltstandards ihres Betriebes verfassen können. Das jedenfalls verspricht das Demo-Video einer Agentur, die eine Software anbietet, um Firmen dabei zu helfen, Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen.</p><p>Seit 2017 gilt die Nachhaltigkeitsrichtlinie der Europäischen Union (EU). Diese verpflichtet vorerst börsennotierte Konzerne, Banken, Versicherungen mit mehr als 500 Mitarbeitern, Rechenschaft abzulegen über ihre Umweltstrategien, die Einhaltung der Menschenrechte und Maßnahmen zur Bekämpfung von Korruption. Seither schießen die Anbieter, die entsprechende Berichte verfassen, wie Pilze aus dem Boden.</p><p>Margit Mederer-Lahntroch übernimmt die gleiche Aufgabe wie eine Software. Die Texterin hat professionelle Nachhaltigkeitsberichte, sogenannte &quot;nichtfinanzielle Informationen&quot; verfasst - noch bevor der Boom begann. </p><p>&quot;Erste Nachhaltigkeitsberichte gaben Unternehmen in den 1990er Jahren heraus - damals noch auf freiwilliger Basis. Die Initiatoren sahen sich in der Verantwortung, Transparenz zu schaffen, wollten nicht nur den Gewinn im Geschäftsbericht darstellen. Die Dokumente sollten Aufschluss über Umwelt- und Sozialstandards geben, auch mit der Absicht, sich von Mitbewerbern abzugrenzen und um Aufmerksamkeit zu erregen.&quot; Mederer-Lahntroch schaut hinter die Kulissen, macht sich ein Bild, stellt Fragen, damit keinesfalls der Eindruck entsteht, die Berichte seien geschönt (Greenwashing).</p><h3>Ökocontrol als Pionier zur Dokumentation von Nachhaltigkeit </h3><p>Einer ihrer Kunden ist Ökocontrol. Die Mitglieder des Verbandes ökologischer Einrichtungshäuser vertreiben hochwertige Möbel und Küchen aus Massivholz, Polstermöbel sowie Matratzen und Bettwaren und schufen eine Definition von Qualitätsstandards ökologischer Einrichtungen.</p><p>&quot;Unsere Mitglieder fragen: Wie müssen die Möbel beschaffen sein, um sie als ökologisch einzustufen? Und die Hersteller müssen Möbel und Materialien bei unabhängigen Instituten prüfen lassen&quot;, erläutert Otto Bauer, Ökocontrol-Geschäftsführer, die Rahmenbedingungen: &quot;Wir verlangen von den Lieferanten eine freiwillige Selbstauskunft über Produkte und Produktion. Und wir haben ganz konkrete Parameter und strengste Grenzwerte für Schadstofftests festgelegt.&quot; </p><p>Das Holz sollte aus nachhaltiger Forstwirtschaft in Deutschland, Österreich oder Skandinavien stammen. Es wird nur mit Lasuren, Naturharzölen und Wachsen behandelt. Denn Schadstoffe in Möbeln, Textilien, Farben, Lacken und Baustoffen können Kopfschmerzen und Schlafstörungen verursachen und das Raumklima verschlechtern.</p><p>Die Händler setzen auf hochwertige Materialien, gute Verarbeitung und zeitloses Design. Dadurch sollen die Möbel lange halten, um am Ende ihrer Lebenszeit thermisch und stofflich wiederverwertet zu werden. Die Transportwege sind kurz zu halten. Die Lieferanten engagieren sich aktiv für Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit.</p><h3>GoGreen - Grüne Logistik und eine Mission</h3><p>Die Deutsche Post/DHL betrachtet Nachhaltigkeit als eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Logistik gehört zur Kernkompetenz des DAX-Konzerns. Grüne Logistik. Und damit ist es nur logisch, dass sich der Global Player eigene Klimaschutzziele gesetzt und eine eigene <h3>Nachhaltigkeitsstrategie</h3> verfasst hat unter dem Logo &#39;GoGreen&#39;: &quot;Wir wollen wir bis 2050 alle logistikbezogenen Emissionen auf null reduzieren&quot;, steht im Nachhaltigkeitspapier zu lesen. 70 Prozent der Post und Waren werden bis dahin mit Fahrrädern und E-Fahrzeugen ausgeliefert, um den Ausstoß von Luftschadstoffen lokal zu reduzieren. Zum Schutz internationaler Wälder lässt der Konzern jährlich eine Million Bäume anpflanzen. </p><h3>Alles nachhaltig, oder was? </h3> </p><p>&quot;Das ist praktizierte Nachhaltigkeit&quot;, sagt Margit Mederer-Lahntroch &quot;Der Begriff stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft, war eine Gegenmaßnahme gegen bedrohlichen Kahlschlag und fordert dazu auf, dem Wald nur soviel Holz zu entnehmen, wie nachwachsen kann.&quot; Die Texterin hält Vorträge über die Nachhaltigkeitsberichterstattung.</p><p>Inzwischen wird der Begriff in den Bereichen Umweltschutz, soziale und ökonomische Entwicklung und sogar in der Finanzpolitik verwendet. Die in den Rat für nachhaltige Entwicklung (RNE) berufenen Experten beraten die Bundesregierung, wenn es darum geht, den täglichen Flächenverbrauch von 76 auf weniger als 30 Hektar zu begrenzen. Der RNE bezieht Stellung und legt Empfehlungen vor: In der Landwirtschaft soll der Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen auf 20 Prozent steigen. Im Bereich Gesundheit soll die Zahl der Raucher sinken, die Stickoxid- und Feinstaubbelastung reduziert werden. Die Zielmarken haben die Vereinten Nationen (UN) vorgelegt in den 17 Nachhaltigkeitszielen. Sie gelten für den Ausbau Erneuerbarer Energien auf 30 Prozent des Brutto-Endenergieverbrauchs bis 2030 und den Anstieg von fair und ökologisch zertifizierten Produkten auf 34 Prozent im gleichen Zeitrahmen.</p><p>&quot;Leider wird der Begriff häufig missbraucht. Nachhaltige Finanzpolitik hat nicht unbedingt etwas mit Ökologie zu tun&quot;, sagt Margit Mederer-Lahntroch. Immerhin kann beinahe jeder Zweite in Deutschland etwas mit dem Wort Nachhaltigkeit anfangen - in Bezug auf Umweltschutz und Umweltbewusstsein. 2000 kannten einer Studie des Bundesumweltministeriums zufolge gerade einmal 13 Prozent der Befragten den Begriff Nachhaltigkeit. </p><p>Der Möbelgigant Ikea zum Beispiel hat sich lange geweigert, das Thema Nachhaltigkeit anzugehen. Die Geschäftsführung sprach von einer &quot;unendlichen Liste&quot;, die man stetig erweitere. Nach Medienberichten über Schadstoffe, die Produktion von Billy-Regalen in DDR-Gefängnissen und Kinderarbeit, gab der Konzern bekannt, die &quot;komplette&ldquo; Nachhaltigkeit anzustreben.</p><h3>&quot;Tue Gutes und sprich darüber&quot; </h3><p>Die Deutsche Post/ DHL betreibt die ökologischen Maßnahmen mit dem klaren Bekenntnis, &quot;dass wir durch den Beitrag, den wir für die Gesellschaft und den Erhalt der Umwelt leisten, auch den unternehmerischen Erfolg vergrößern.</p><p>Immer mehr Konsumenten achten auf Umweltstandards bei Putzmitteln, Kosmetik, Kleidung und Möbeln, schauen gezielt nach Öko- und Fairtrade-Siegeln auf Verpackungen und ethischer Unternehmenskultur. Oder sie schauen gezielt nach Nachhaltigkeitsaktivitäten der Anbieter. </p><h3>Verpflichtung für Unternehmen von &quot;öffentlichem Interesse&quot;</h3><p>Sogenannte Stakeholder wie Eigentümer, Kunden, Lieferanten, Kapitalgeber, Mitarbeiter, Partner, Politik und Verbände haben berechtigtes Interesse an der Dokumentation ökologischer und sozialer Standards. Denn zunehmend wird von Unternehmen und Organisationen erwartet, dass sie Verantwortung für ihr Handeln und Wirtschaften übernehmen. </p><p>&quot;Wenn Sie nichts zu verbergen haben, sollten die Firmen dieses Feld nicht Ihren Mitbewerbern überlassen, sondern zeigen, wie sie mit Mensch und Umwelt umgehen und welche gesellschaftliche Verantwortung sie übernehmen.&quot; Und daher rät Marketing-Experten Mederer-Lahntroch, den Nachhaltigkeitsbericht zu verbreiten: auf der Homepage, durch online-Pressearbeit und via Social Media. </p><p>Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) erstellt Rankings aufgrund der Berichte und zeichnet Großunternehmen sowie kleine und mittlere Unternehmen aus, die Ressourcen schonen, die Biosphäre entlasten und gutes Leben ermöglichen. Beim IÖW sind Wissenschaftler mit der Beratung politischer Entscheider, Landwirten oder NGOs beschäftigt. Nachhaltige Unternehmensführung, klimaschonende Energiesysteme, neue Technologien oder nachhaltiger Konsum soll sich positiv auf die Arbeit mit internationalen Partnern und Auftraggebern wie der Europäischen Union auswirken.</p><h3>Nachhaltigkeit kein ökologischer Luxus oder Zeiterscheinung</h3><p>Auch der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) und der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) können sich über mangelndes Interesse nicht beklagen. Nachhaltigkeit wird in das Kerngeschäft integriert. Treiber sind die gesetzlichen Vorgaben. Für Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung, ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung mit einem Wettbewerbsvorteil für Unternehmen verbunden. &quot;Nur, was ich messe, kann ich managen, nur worüber ich mich mit anderen in standardisierter Kommunikation austauschen kann, kann ich mit Kunden und Zulieferern in diesem Sinne kooperieren.&quot; Der DNK überprüft die Berichte nach 20 Kriterien und Leistungsindikatoren.</p><p>In größeren Unternehmen beschäftigen sich ganze Abteilungen mit dem Thema Nachhaltigkeit. Das DNK-Büro bietet entsprechende Schulungen sowie Leitfäden in deutscher und englischer Sprache an.</p><p>Autor: Karin Jäger</p>
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