Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Wenn Retter zu Opfern werden

SPRECHERIN: 18:30 Uhr: Dienstbeginn auf der Rettungswache. Tobias Filler ist angehender Notfallsanitäter. Vor ihm und seinem Ausbildungsleiter Marcus Müller liegt eine 12-stündige Schicht. Mit dabei: ein Pfefferspray – offiziell zur Tierabwehr. Heute ist Samstag – keine beliebte Schicht. TOBIAS FILLER (Notfallsanitäter in Ausbildung): Also, am Wochenende fährt man nachts meistens mehr, weil die ... weil die Leute am Wochenende gerne feiern gehen. SPRECHERIN: Mit dem Alkoholpegel steigt auch das Risiko für Übergriffe. MARCUS MÜLLER: Unterwegs. SPRECHERIN: Die Nachricht über Funk: bewusstlose Frau vor einem Supermarkt. Mehr Informationen gibt es selten. Eine Wahl haben die Rettungssanitäter nicht. MARCUS MÜLLER: Wir nehmen erst mal nur das EKG noch mit. SPRECHERIN: Die Patientin kauert am Boden. Ihr Begleiter hat offensichtlich Drogen genommen. Ihm geht alles viel zu langsam. MARCUS MÜLLER: Jetzt lassen Sie ... lassen Sie mich doch erst mal mit ihr sprechen, ja, damit ich überhaupt erst mal mit ihr reden kann, und dann gehen wir zusammen ins Auto. Und da sind wir ein bisschen ... haben wir ein bisschen mehr Ruhe und dann können wir miteinander sprechen. SPRECHERIN: In Seminaren haben die Notfallhelfer gelernt, wie man deeskaliert. Auch das Zurückziehen in den Rettungswagen ist eine bewusste Strategie. MARCUS MÜLLER: Lassen Sie uns doch erst mal ... erst mal reden wir. Okay. Aber Sie haben doch jetzt uns gerufen und jetzt müssen wir doch erst mal miteinander reden können. SPRECHERIN: Dass auch ein Routineeinsatz schnell eskalieren kann, hat Tobias Filler selbst erlebt. Vor eineinhalb Jahren wurden sie zum Bahnhof gerufen: ein bewusstloser Mann. Als der Patient zu sich kam, griff er sie an. Bei dem Übergriff fiel Tobias Filler fast auf die Gleise. Wie nah er dem Tod war, begriff er erst später. TOBIAS FILLER: So nach ‘nem halben, Dreivierteljahr kamen diese Bilder wirklich wieder hoch – was da so passiert ist, und dann war ich fünf Wochen auch erst mal nicht im Dienst. Man hat gemerkt, dass man nicht mehr schlafen kann. Wenn man geschlafen hat, dann kamen genau diese Bilder wieder hoch. SPRECHERIN: Dass sich die Übergriffe häufen, hat mit einer neuen Erwartungshaltung zu tun. MARCUS MÜLLER: Man ruft den Rettungsdienst und die haben das zu tun, was wir möchten. Und wenn das nicht so gemacht wird, wie die Menschen, die uns ein Hilfeersuchen entgegenbringen ... wenn wir das nicht so tun, dann kann das auch relativ schnell in Gewalt umschlagen oder Aggression. SPRECHERIN: Der nächste Einsatz: sechs Polizisten gegen einen Mann im Drogenrausch. FRAU: ... vom Balkon runtergefallen. MARCUS MÜLLER: Also, von dem ersten oder von dem ...? FRAU: Vom ersten. Er hat Verletzungen aufgrund von vermutlich Glasscherben ... gesprungen, gefallen ... MARCUS MÜLLER: Blutet er irgendwie stark? FRAU: Ja. SPRECHERIN: Der Mann hatte Möbel aus dem Fenster geworfen. Als die Polizei eintraf, sprang er hinterher. Ecstasy oder Kokain, vermuten die Einsatzkräfte. MARCUS MÜLLER: Momentan ist er noch extrem aggressiv. Er ist durch die Polizei mit Handfesseln gefesselt. POLIZIST: Hier durch. Hey! SPRECHERIN: Der Patient hört nicht auf, die Einsatzkräfte zu bespucken. POLIZIST: Hey, Junge! MARCUS MÜLLER: Jetzt bleib doch mal ganz ruhig. Alles ist gut. Wir wollen dir doch nur helfen, ja? Alles ist gut. Keiner will dir irgendwas tun. SPRECHERIN: Transport in die Notaufnahme: Die Polizisten fahren mit. TOBIAS FILLER: Okay? MARCUS MÜLLER: Ja. SPRECHERIN: Ohne Polizei wäre Marcus Müller alleine mit dem Patienten. MANN ÜBER FUNK: Alles schon parat, die warten nur auf euch. TOBIAS FILLER: Alles verstanden. Vielen Dank! SPRECHERIN: Nach zehn Stunden Dienst: Zeit für einen Kaffee. Privat ist Marcus Müller Kampfsportler. Die Kollegen fragen ihn im Scherz, warum er nicht eingriff. MARCUS MÜLLER: Das ist nicht unser Job. Dafür gibt’s die Polizei. Deswegen ist es oft mal so, dass die Kollegen sich relativ viel gefallen lassen, bis die Polizei hinzugeholt wird oder auch bis man sich verteidigt, weil die Hemmschwelle von unseren Mitarbeitern doch da sehr hoch ist. SPRECHERIN: Sieben Uhr morgens: Schichtende. Angespuckt, bepöbelt und bedroht – doch die 112 glänzt.
image beaconimage beaconimage beacon